Satire: Der Café au lait-Zwerg und Ärger für Hotte

Ausschnitt aus dem Satire-Buch: Hotte-Hoppe-Heiter

Hotte und das Törfchen kannten sich seit Kindertagen. Das Törfchen, der eigentlich Theodor von Torf hieß, war in derselben Straße groß geworden wie Hotte und hatte bei Hotte hinterm Haus im Garten mitspielen dürfen. Es waren wilde hundert Quadratmeter gewesen, weil Hottes Vater keine Lust gehabt hatte, den Garten zu pflegen und Gestrüpp und Gesträuch wild wachsen konnten. Im Garten hatte Hotte das Sagen gehabt. Sollte einer es wagen, ihm zu widersprechen, hatte Hotte gebrüllt, „Wer anders sagt, der lügt“. Er konnte finster gucken und verteilte auch Kopfnüsse. Hotte nannte das Törfchen auch Torfkopf, wenn er sauer auf ihn war.  Theodor von Torf war fleißig in der Schule gewesen und Hotte hatte bei ihm abgeschrieben. Später hatte Hotte dieses Haus und auch andere Häuser im Viertel geerbt. Das Törfchen hatte Jura studiert, war in die Akademiker-Klasse aufgestiegen, hatte einen Doktor Titel erworben und war Hottes Rechts-Berater geworden. Doch immer noch galt das Hotte Wort, „Wer anders sagt, der lügt“.

Eines Tages war Hotte beim Törfchen in der Kanzlei erschienen und hatte die Sekretärin angewiesen, niemand solle das Törfchen und ihn jetzt stören. Hotte hatte dem Törfchen erklärt, er müsse die Uni Münster verklagen. Dort habe die Arbeitsgruppe „Rassismus in Münster“ ihm vorgeworfen, er betreibe Blackfacing, er sei ein Rassist. Hotte habe in seiner Bewerbung als antirassistischer Künstler für die Anti-Rassismus Tage in Münster damit geprahlt, dass in seinem Garten ein Zwerg namens Obama stehe. Er habe von einem Gespräch zwischen ihm und seiner Frau berichtet, in dem diese erklärt habe, Obama habe eine weiße Mutter und einen schwarzen Vater. Seine Zwergen-Farbe müsse deshalbCafé au lait sein. Sein Obama Zwerg habe eher eine Schoko-Kuss-Farbe.

Laut Hotte hatte die Arbeitsgruppe auf einer Seite der Uni Homepage geschrieben, die Hautfarbe eines Menschen in Zusammenhang mit einer Kaffeemischung zu setzen oder einer Süßigkeit, sei despektierlich. Hotte sei ein Rassist. Hotte war vor Wut puterrot im Gesicht gewesen. Er hatte die Hände zur Faust geballt und verbittert erklärt, auf der Uni-Homepage werde zu einer Mahnwache gegen den Rassismus vor seinem Haus aufgerufen. Erste Kunst-Banausen hätten bereits in die Zwergen-Kollektion vor dem Haus gepinkelt. Er verlange für sich und seine Zwerge Personen-Schutz.

Als das Törfchen gewagt hatte, die Augenbrauen hochzuziehen, hatte Hotte ihn angebrüllt, „Wer anders sagt, der lügt“ und ihm eine angedeutete Kopfnuss verpasst. Hotte hatte verlangt, dass seine Freunde aus Funk und Fernsehen, aus Politik und Wirtschaft, jetzt wie ein Mann aufstehen müssten, um ihn zu verteidigen. An wen genau er dabei denke, hatte Dr. Theodor von Torf gefragt und ein wenig scheel gegrinst. Hotte hatte ihm eine weitere angedeutete Kopfnuss verpasst und gefragt, wofür er ihn bezahle. Man könne mit dem näheren Umfeld anfangen, hatte das Törfchen vorgeschlagen, ob ihm jemand noch einen Gefallen schulde. „Aber jede Menge Leute“, hatte Hotte gesagt. Da könne man mit den Mietern anfangen, die bei ihm wohnen dürften. „Gute Idee“, hatte das Törfchen erklärt. Man könne postalisch eine Miterhöhung ankündigen und in dem Brief schreiben, dass die Miterhöhung umso geringer ausfalle, je mehr der Mieter sich bereit erkläre, Hottes antirassistische Einstellung schriftlich zu bezeugen und im Internet zu verbreiten. „Saubande, diese Mieter“, hatte Hotte gemurmelt, jetzt könnten die endlich mal war für ihn tun. Und das Törfchen müsse die Uni-Spinner wegen übler Nachrede verklagen. Das sei schwierig, hatte Dr. Theodor von Torf zu Bedenken gegeben. Immerhin habe Hotte den Ex-US-Präsidenten Barack Obama öffentlich mit Schoko-Kuss-Farbe und Café au lait in Verbindungen gebracht. Er schlage vor, hier gar nichts zu tun und abzuwarten, bis die Aufregung sich wieder gelegt habe. Er sehe hier einen intellektuellen Übereifer am Werke.

Blackfacing sei im Übrigen nur dann gegeben, wenn ein Weißer sich schwarz anmale. Er sei im Kirchenvorstand seiner Gemeinde und kenne die Problematik. Die Kindergruppe „Kleine Christen“ habe im Viertel ein Sternsingen geplant. Der Pastor habe ihn um ein juristisches Gutachten dazu gebeten, weil es in der Uni-Gemeinde Ärger in dieser Sache gegeben habe. Als Gutachter habe er herausgefunden, dass jedes Jahr am 6. Januar, dem Dreikönigstag, in ganz Deutschland Kinder und Jugendliche als heilige drei Könige verkleidet von Haus zu Haus gingen, traditionelle und neue Kirchenlieder sängen und den Menschen den Segen für das neue Jahr brächten. Lange Zeit sei es üblich gewesen, dass ein Kind sein Gesicht schwarz anmale, um den König aus Afrika darzustellen. Das Schwarzschminken eines der Könige sei in den letzten Jahren Gegenstand einer intensiven Debatte über Rassismus und Tradition geworden. Viele kirchliche Institutionen rieten mittlerweile vom Schwarzschminken ab. Das Blackfacing werde vielerorts als rassistisch empfunden, da es auf stereotype Darstellungen zurückgreife. Empfohlen werde, beim Sternsingen das Schwarzschminken zu unterlassen und eher die Vielfalt der Kulturen durch verschiedene Gewänder darzustellen oder Kinder mit unterschiedlicher Hautfarbe ins Sternsingen einzubinden. Andere sähen in der Tradition aber keine rassistische Absicht, sondern eine Form der Ehrerbietung und des Brauchtums und empfänden die Debatte als überzogen. Im Kirchenvorstand seiner Gemeinde in Münster habe man sich entschieden, das Sternsingen ausfallen zu lassen, da es in der Gemeinde keine Kinder unterschiedlicher Hautfarbei gebe. Man lebe in einem Traditions-Viertel, wo gut betuchte Münsteraner im Eigentum wohnten.

Hotte aber solle sich keine Sorgen machen, er sehe beim Obama-Zwerg kein Blackfacing. Sein Obama-Zwerg sei einfach geschmacklos. Hotte hatte zerknirscht geschaut und erklärt, dann müsse er sich seine Zwergen-Gruppe „Alibaba und die vierzig Räuber“ auch noch mal genauer anschauen. Das solle er tun, hatte ihm das Törfchen geraten. Zwar sei „Alibaba und die vierzig Räuber“ ein klassisches Märchen aus „Tausendundeine Nacht“. Aber Rassisten in Deutschland hätten das Märchen unbenannt in „Alibaba und die 14 Millionen Räuber“. Dieser Begriff ziele abwertend auf Ausländer in Deutschland und werde als rassistische Kampagne gegen Migranten gewertet.

Hotte hatte laut geseufzt und erklärt, es sei gut, das zu wissen und er werde die Informationen umgehend auf die Homepage des Vereins, „Dein Zwerg und Du“ stellen. Das sei eine gute Idee, hatte das Törfchen zugestimmt und gefragt, ob Hottes Freunde vom Verein „Dein Zwerg und Du“ nicht was für sein Image tun könnten. Vorstellbar sei, eine Kampagne für ihn und seinen Zwergen-Garten zu starten und für die „sensible Nutzung der Freiheit in der Gartenzwerg-Kunst“ zu werben. „Feind, Erzfeind, Vereinsfreund“, hatte Hotte verbittert geantwortet. Und im Übrigen sei der Name der Kampagne zu lang. Da bekäme der Garten-Zwerg-Freund schon beim Lesen Kopfschmerzen und mache zu.

Seine Enkel hätten sich angeboten, für ihn vor dem Haus zu demonstrieren, wenn sie dafür bezahlt würden. Das seien gute Geschäftsleute, hatte Hotte anerkennend gemeint. Das spräche dafür, sie direkt als Erben seiner Häuser einzusetzen.