Satire: Hotte und die Zwergen Philosophie

Ausschnitt aus dem Satire-Buch: Hotte-Hoppe-Heiter

Hotte, der Zwergen Visionär und Erbe

Zum Jahresende hatte Hotte sich Zeit genommen für eine Rückschau auf sein Leben. Mit einem Glas Wein in der Hand hatte er vor dem Kaminfeuer und mit Blick auf den angestrahlten Zwergen-Garten hinterm Haus auf sein Leben zurückgeschaut. Seine Lebensplanung hatte anders ausgesehen, war weniger planvoll gewesen. Eigentlich konnte von Planung keine Rede sein.

Er wohnte seit Kindertagen im selben Viertel in Münster. Er hatte sich immer als was Besonderes gefühlt, obwohl es dafür eigentlich keinen Grund gab. Er hatte das VWL- Studium einst geschmissen. Dann hatte er sich seinen Kindheitstraum erfüllen wollen, geile Seifenkisten zu bauen. „Hotte Hottrecke-Design“ hatte er in großen Buchstaben auf die ersten Visitenkarten drucken lassen. Als Wasserzeichen hatte er einen Formel-Eins-Wagen in bunten Farben gewählt.  Er, als Designer und Mann von Welt, außerdem gesegnet mit dem Erbe seiner Eltern, wollte mehr sein als einer der vielen Münsteraner, die erbten und weitervererbten. Er wollte, wenn er einmal abtreten musste, dass man seiner mit Respekt gedachte. Er hatte nur noch nicht gewusst, wie er das anstellen sollte.

Dass es Gips-Zwerge sein würden, die ihn Design technisch herausfordern würden, hatte ihn überrascht. Überraschend war auch das Erbe gewesen, das eines Tages von Seiten der Eltern gekommen war. Auch die hatten nicht gedacht, dass die weihnachtliche und westfälische Herrencreme auf Rum Basis ihr letzter Nachtisch sein würde. Der Hausarzt hatte auf den Totenschein Medikamenten-Vergiftung geschrieben. Was nun mit wem tödlich reagiert hatte, blieb ungeklärt. Hatten Pudding, Schokolade, Sahne oder Rum sich mit Herz- und Kreislauf Tropfen nicht vertragen oder hatte einer der zahlreichen bösartigen Mieter Unverträgliches der Creme hinzugefügt? Keiner der lachenden Erben hatte es genau wissen wollen und Hotte hatte sein Erbe angetreten.

Er hatte neben einigen Häusern auch genügend Bares geerbt, um sich mit dem Bau der ersten genialen Seifenkiste Zeit zu lassen. Im Keller unter dem Haus hatte er eine Werkstatt eingerichtet, sein Designer-Atelier. Er war bereit gewesen, künstlerisch zu schöpfen. Dann – wie gesagt – waren ihm die Zwerge untergekommen und hatten sein Leben verändert.

Zwerge und Feste

Am Anfang hatte er den Garten hinter dem Haus, wo der Vater früher Kartoffeln und Salat angebaut hatte, umgegraben und Rasen gesät. Dann hatte er die Fläche mit einem Teich und Lampen aufgehübscht. Er hatte Schneewittchen und die sieben Zwerge in den Garten gestellt, sein erstes Ensemble. Sie waren neben dem Teich fast nicht aufgefallen und seine Frau Irene hatte noch viel Platz für den Liegestuhl, den Sonnenschirm und einen Beistelltisch für Getränke gehabt. Er wusste, sein Vater hätte ihn alleine für diese Planung enterbt. Aber, Hotte und seine Irene, hatten lange genug den „Scheiß Garten“ umgraben müssen, so ihre Worte.  Mit dem Ensemble Schneewittchen und die sieben Zwerge hatte Hotte das elterliche Joch von den Schultern abgeschüttelt.

Ein Zwergen-Freund aus der Nachbarschaft hatte das Ensemble toll gefunden und ihn mitgenommen in den Verein „Dein Zwerg und Du“. Das hatte ihm das Zwergen Denken nähergebracht. Dabei war ihm aufgefallen, dass er als Zwergen Besitzer mehr als ein funktionales Verhältnis zum Zwerg hatte, dass ein Zwerg für ihn mehr als Deko war. In der Zeit des ersten Zwerge-Aufstellens war auch er ein Zwergen-Mitläufer im Mainstream des Zeitgeschehens gewesen. Sein erstes Zwergen-Ensemble, Schneewittchen und die sieben Zwerge, war sogar eine Idee seiner Frau Irene gewesen. Sie hatte die Zwerge im Baumarkt ausgesucht. Das aber war Hotte, vom Standpunkt des Designers betrachtet, nicht gut genug gewesen.

Der Zwergen Kalender

Er war dann systematisch kreativ vorgegangen und hatte ein wenig Ordnung in das Ganze gebracht. Schließlich hatte er auch über jeden Mieter einen Ordner und über manchen sperrigen Mieter sogar einige Ordner geerbt. Als erstes hatte er sich einen Ordner mit der Aufschrift „Zwerge“ zugelegt. Dann hatte er den Zwergen Kalender entwickelt, um Zwergen Chaos zu verhindern. Er hatte nämlich in der Nachbarschaft einen Vorgarten gesehen mit einer ungeordneten Vielzahl von Gips-Zwergen. Unkraut wuchs zwischen den Zwergen und Katzen hatte hier einige Mal hingekackt. Hotte hatte es gegruselt und er hatte sich vorgenommen, seinen Garten und Vorgarten Zwergen technisch zu designen. Schließlich stand „Designer“ auf der Visiten Karte.

Aus Gesprächen mit Gartenzwerg Freunden hatte er bereits erfahren, dass beim Aufstellen der Zwerge im Vorgarten, der Visitenkarte des Hauseigentümers, Festtage und wichtige Jahres Ereignisse unbedingt beachtete werden mussten, sonst drohte Gott weiß was. Zwergen Leben stand auf dem Spiel. Hotte hatte folgende goldene Regeln entwickelt:

Der Nikolaus und Weihnachts Zwerg (N-W-Zwerg) mit Mütze auf dem Kopf und Sack auf der Schulter, hatte bis vor Silvester Saison. Dann sollte er im sicheren Keller verschwinden. Silvester Böller und Raketen hatten schon manchem Zwerg Hand oder Kopf gekostet. Dann durfte Anfang Februar der Karnevals-Zwerg, (K-Zwerg), mit Narrenkappe und Orden vor der Brust im Vorgarten stehen. Keineswegs aber durften der Nikolaus- und Weihnachts Zwerg (N-W-Zwerg) und der Karnevals Zwerg (K-Zwerg) neben einander stehen. Der Valentins-Zwerg (V-Zwerg) durfte ab Mitte Februar in den Vorgarten.  Die N-K-V-Zwerge mussten sich aber spätestens Ostern trocken im Keller-Regal befinden.

Im April war im Vorgarten die Zeit für die heiligen Ostern Zwerge gekommen. Es gab mehrere gestalterische Möglichkeiten. Klassisch war der Messias Zwerg mit vergoldetem Dornenkranz. Mutige Zwergen Künstler, wie sein Nachbar, hatten auch schon den gekreuzigten Zwerg (GK-Zwerg) in den Vorgarten gestellt. Andere hatten im Mai die Auferstehung Jesu mit dem Himmelfahrts Zwerg (HF-Zwerg) gefeiert. Das hatte den Pastor des Viertels alarmiert. Der hatte die Zwergen Freunde des Viertels vor die Wahl gestellt, die Osterzwerge segnen zu lassen und ganzjährig unter den Schutz der Kirche zu stellen oder alle im Mülleimer zu entsorgen. Hotte hatte den bedrohten Zwergen politisches Asyl in seinem Keller gewährt.

Er hatte bei den Oster Zwergen gelernt, dass Zwerge hoch politisch sein konnten. Die größte Herausforderung aber waren die Christopher Street Day-Zwerge. Im Verein war heftig diskutiert worden, ob man den schwulen Zwergen, wie man im Verein gerne sagte, überhaupt einen Platz geben sollte. Hier war platztechnisch äußerste Sorgfalt geboten.

Hotte hatte gehört, dass ein Christopher Street Day-Zwerg, der in einem Vorgarten neben einem Messias Zwerg gestanden hatte, zertrümmert worden war. Von der Kanzel hatte der Pastor am Sonntagmorgen getobt, manchem Anti-Christen im Viertel müsse der rote Hahn aufs Dach gesetzt werden. Abends war der Christopher Street Day-Zwerg zertrümmert worden. Der Verein „Dein Zwerg und Du“, hatte in einer Sondersitzung beschlossen, den Vorfall zu ignorieren.

Hotte hatte sich abends vor dem Kamin noch ein Glas Wein eingeschenkt und beschlossen, für heute Abend genug gedacht zu haben. Mit einen Flug-Kuss hatte er sich vom Zwergengarten hintern Haus verabschiedet und war zu seiner Irene ins Bett gestiegen.