Satire: Rutz Krakowski und der Rauswurf aus dem Germanen Garten

Ausschnitt aus der Satire-Reihe: Die Trutz und Faby Story

Rutz und Rabi hatten eine schwere Nacht gehabt. Sie hatten sich immer wieder gesagt, wie sehr sie sich liebten. Kein Hausname dieser Welt werde sie auseinanderbringen und sie seien ordentliche Germanen. Rutz hieß nämlich mit Hausnamen Krakowski. Und genau deshalb wollten ihm nationale Idioten aus dem Kleingarten Verein Germanen Glück seinen geliebten Garten wegnehmen. Krakowski sei nicht deutsch genug für das Germanen Glück. Die Familie Krakowski war vor einigen Generationen aus Polen in das Ruhrgebiet eingewandert, um dort unter Tage Kohle abzubauen. Im Pott, wie die Eltern immer gesagt hatten, war Krakowski ein ganz normaler Name gewesen. In der Schule hatten die Kumpel ihn „Krako“ genannt. Migranten waren in seinen Augen diejenigen, die in den 70iger Jahre aus der Türkei oder Griechenland gekommen waren.  Er sagte immer, er sei so deutsch wie die Dackel, die seit Jahrzehnten die Familienhunde waren.

Rutz hatte keine Lust auf Arbeit unter Tage und Staublunge gehabt. Er hatte im nahen Münster bei der Post einen ungefährlichen und guten Job bekommen und dort seine Frau Rabi kennengelernt. Sie hatten sich im beschaulichen und entspannten Münster niedergelassen. Sie wohnen im zehnten Stockwerk in Münster, Ortsteil Kinderhaus. Die Wohnung war günstig und hatte einen Balkon. Aber, wie viel in Münster, hatten auch sie von einem Garten im Grünen geträumt. Schließlich hatten Rutz und seine einen solchen Garten im Kleingartenverein „Germanenglück“ gefunden. Es war ein Kleingarten de Luxe, mit all dem, was man brauchte, um Frühlings-Sommer- und Herbsttage zu genießen. Der meiste Luxus war allerdings verboten. Eigentlich, und so stand es in der Satzung des Vereins, sollte der Kleingarten dazu da sein, Obst und Gemüse anzubauen und sich zu erholen. Eine Laube auf der kleinen Parzelle sollte die Gartengeräte beherbergen und maximal achtzehn Quadratmeter groß sein. Im Vereinsheim sollte man sich zur geselligen Runde treffen, Toiletten gab es dort auch.

Die Wirklichkeit sah seit langem anders aus. Viele Kleingartenanlagen waren Freizeitparks geworden, wie auch das Germanen Glück am Rande Münsters. Im Sommer planschten Rutz und Rabi gerne in einem großen Pool im Garten. Das war aus guten Gründen verboten. Einige Katzen waren im Pool bereits ertrunken und ein Kleinkind aus der Nachbarschaft war in letzter Minute von Rutz aus dem Pool gefischt worden. Aus den Lauben waren imposante Häuschen geworden mit Küche, Bad, Toilette, Wohn- und Schlafzimmer. Der Vorstand des Vereins sah das mit Wohlgefallen, deren Grundstücke sahen ähnlich aus. Rutz hatte in seiner Laube eine Wasserpumpe eingebaut, eine Heiß- und Kaltdusche und eine Toilette mit Wasserspülung.  Es gab für alles eine unterirdische Grube, die nicht geleert werden musste, weil von dort aus alles im Grundwasser versickerte. Rutz und Rabi tranken ihren Kaffee deshalb mit Mineralwasser, das sie in den Garten brachten. Drinnen im Haus gab es eine Küche mit modernem Herd und Kühlschrank. Der Sekt war immer gut gekühlt. Obst und Gemüse bauten die beiden nicht mehr an. Die Erdbeeren für den Sekt holten sie im Supermarkt. Die Gärten waren heiß begehrt.

Das alles war nun aus zwei Gründen in Gefahr. Rutz und Rabi hatten seit zwei Jahren einen neuen Nachbarn, den Kuki-Rudi. Man nannte ihn Kuki-Rudi, weil Gartenfreund Rudi den Frauen der Gartenfreunde und anderen gerne nachschaute und auch unter die Röcke. Kuki-Rudi war mit Dudi-Rudi aus Berlin verwandt und glich ihm in vieler Hinsicht. Auch er dachte national, war dümmlich und trinkfest. Die beiden Rudis hatten im Vereinsheim den Germanen Stammtisch gegründet. Ab und zu war Besuch aus Berlin vom „Stammen Max“ gekommen, einer stramm rechten Kneipe aus Berlin-Mitte. Kuki-Rudi hatte sich schwer in Rabi verguckt. Im letzten Sommer war er Dauergast im Pool bei Rutz und Rabi gewesen. Als Rabi im Sommer mit Sektgläsern durch den Garten geschaukelte war, hatte er sehnsüchtig im Pool geseufzt. Im Traum hatte sich Kuki-Rudi bereits mit Nachbarin Rabi im Luxus Bett gesehen, das Rutz in feinster Arbeit gefertigt hatte. Der einzige Störenfried in diesem Träumen war ihr Ehemann Rutz Krakowski.

Dann aber hatte Kudi-Rudi einen Ansatzhebel gefunden, um Rutz aus seinem warmen Nest raus zu hieven und sich hinein.  Im Germanen Glück war nämlich der patriotische Schwachsinn Mode geworden. Einige Gärtner des Germanen Stammtischs hatten beschlossen, den Kleingarten zu germanisieren, den Kleingarten biologisch zu säubern, wie sie sagten.   Sie forderten, die Gärtner im Germann Glück müssten so germanisch sein, wie die Kartoffeln in ihren Gärten. Und man müsse einen Arier Nachweis im Germanen Glück einführen. Und selbstverständlich müsse auch der Name germanisch sein. Nach einigen Bieren und Schnäpsen hatte es des Öfteren geheißen, Remigration hieße das Gebot der Stunde. Kein Iwan, Chalid oder Jurek solle sich länger im Germanen Glück herumtreiben.  

Kuki-Rudi hatte vor Glück Schnappatmung bekommen. Er hatte im germanischen Handbuch, einer Leihgabe von Dudi-Rudi aus Berlin, gelesen, dass Polen keine Arier seien. Dort hieß es, beim Arier gehe es um mehr als blonde Haare und blaue Augen. Der geliebte Führer habe beides nicht gehabt. Es gehe um die völkische Zugehörigkeit, Kultur, Sprache und Herkunft. Menschen slawischer Herkunft seien ebenso wie Roma-Menschen grundlegend minderwertig. Deutscher oder Germane werde man nicht durch Migration oder Pass-Erwerb. An der Theke hatte Kuki-Rudi des Öfteren lallend gefordert, der Pole Rutz Krakowski müsse aus dem Garten vorschwinden. Das gelte auch für alle Wolga Deutschen, deren Blut in den langen Jahren des Exils in Russland durch russisches Blut verseucht worden sei. Insgesamt betreffe die zwanzig Prozent-Remigration im Germanen Glück, mit zweihundert Gärten, vierzig Gärten. Alle Gärtner mit türkischen, arabischen oder afrikanischen Wurzeln hätten im Germanen Glück keinen Platz mehr. Es gäbe schon eine lange Warteliste astreiner, germanischer Bewerber, viele davon aus dem Familien- und Freundeskreis des Vorstandes. Diese Planung sei geheim. Noch sei man auf die Gunst des Grünen Oberbürgermeisters in Münsters angewiesen. Aber der Tag der nationalen Säuberung nahe. Das Gesetz der Blutes möge manchem hart erscheinen, aber das Leben sei nun mal kein woker Ponyhof und die Germanen seien zunehmend ein Volk ohne Raum. Dann hatte Kuki-Rudi dafür gesorgt, dass Rutz von den Plänen Wind bekommen hatte. Kuki-Rudi hatte Rabi erklärt, er sei bereit, sie von der Stelle weg in sein German-Bett zu verfrachten. Sie als geborene Meier sei auch nicht unarisch. Wenn sie sich scheiden ließe und mit ihm zusammenkomme, werde er dafür sorgen, dass sie den Garten behalten könne.

Rabi hatte erklärt, sie fände den dicken Schnorrer Kuki-Rudi zum Kotzen, wie auch den ganzen Germanen Mist. Kuki-Rudi dürfe nicht mehr in den Pool. Im Übrigen lasse sie sich den Kaviar zum Sekt nicht verbieten. Wer lieber Fisch Brötchen esse, solle das tun. Rutz hatte erklärt, er werde Kuki-Rudi im Pool ersäufen, wenn der nochmal bei ihnen auftauche. Im Übrigen sei er kulturell voll auf Germanen Trip. Er sei vom Slibowitz, dem Getränk seiner Vorväter, auf Jägermeister umgestiegen. Er sei Germane durch und durch. Seine Vorfahren habe er sich nicht ausgesucht, wohl aber seine Freunde und den Garten. Um seine germanische Gesinnung unter Beweis zu stellen, sei er bereit, bei der Verfolgung von Nicht-Ariern im Germanen Glück an vorderster Front zu kämpfen. Man müsse die Hütten der Nicht Germanen niederbrennen, deren Gärten enteignen. Besonders Kopftuch-Frauen seien ihm ein Gräuel. Er schlage vor, einen Germanen-Trinktest als Aufnahme-Prüfung im Garten zu machen.  Damit habe man den Muslimen schon mal die Lust auf einen Garten im Germanen Glück genommen.

Er werde einen Antrag auf Namensänderung stellen. Fortan wolle er nicht mehr Rutz Krakowski heißen, sondern Rutz Münsterrowski. Wenn nötig, werde er sich künftig Wikki nennen, sich einen Wikinger Bart wachsen lassen und Haare und Bart wikingerrot färben. Sein Motto heiße von nun an, „Alles für den Germanen Garten“.