Satire: Hotte wird fromm oder so
Aussschnitt aus dem Satire-Buch: Hotte-Hoppe-Heiter
Als Hotte jünger war, hatte er bei gutem Rotwein gerne getönt „Rosen und Narzissen, das Leben ist beschissen“. Dann hatte er das elterliche Haus und noch andere geerbt und hatte wenig später die Karl Marx-Weisheit verstanden: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“. Er war aus dem Studium direkt in den Mieter-Vermieter-Kampf geraten. Bald waren ihm die Mieter des geerbten Hauses bereits mächtig auf die Nerven gegangen. Am Anfang hatte er mit Freunden zusammenwohnen wollen. Doch als es darum gegangen war, wer zerbrochene Waschbecken oder Fenster bezahlen müsse, war aus Freundschaft schnell Streit geworden. Er hatte das Studium abgebrochen, war Privatier geworden und froh gewesen, dass ihm sein alter Kumpel, Dr. Theodor von Torf, das Törfchen genannt, gegen gutes Geld als Rechtsanwalt zur Seite gestanden hatte. Die Zusammenarbeit Hotte-Törfchen hatte viele Jahre für beide gut funktioniert, zum Leidwesen der Mieter. Hotte hatte wie ein König regiert, ein kleiner König mit einiger Mieter-Untertanen.
Dann hatte Hotte, als er bereits älter war und einige Vermieter Freunde bereits gestorben waren, den Dechanten Schmidt aus der Cordula-Sophia-Kirche in seinem Viertel kennengelernt. Der hatte ihm erklärt, der Mensch denke aber Gott lenke und auf Allem ruhe Gottes Segen. Je mehr und öfter er für die Cordula-Sophia-Kirche spendete, umso gütiger wurde der Blick von Dechant Schmidt. Als ihn die Mieter seines Hauses wegen des braunen Wassers aus den Wasser-Kränen verklagt hatten und der Mieterverein von fahrlässiger Körper Verletzung gesprochen hatte, war Hotte beim Dechanten zur Beichte gegangen. Ja es stimme, dass die Wasserleitungen in seinem Haus den Krieg überstanden hätten und uralt seien. Die Leitungen seien aus gutem alten Eisen und lösten sich langsam auf. Das Braune im Wasser sei der Rost der Rohre und der sei nicht gesund. Der Dechant hatte ihm aufgetragen, zur Buße „zehn Vater unser“ zu beten und hatte ihn von seinen Sünden freigesprochen. Den Rest hatte sein Rechtsanwalt erledigt. Die von den Mietern selbst vorgenommenen Wasser Analysen hatten vor Gericht keine Beweiskraft gehabt. Das Gesundheitsamt Münsters hatte sich viel Zeit gelassen mit eigenen Messungen und Hotte hatte die Zeit genutzt, das Wasser Netzwerk in seinem Haus Schritt für Schritt heimlich zu reparieren. Geholfen hatte, dass er inzwischen im Kirchenvorstand der Cordula-Sophia-Kirche gesessen hatte, wie auch der fromme Chef des für Wasser zuständigen Gesundheitsamtes. Auch das Törfchen war, in einer anderen Gemeinde, im Kirchenvorstand tätig. Das und die Mitgliedschaft in einer christlichen Partei waren sehr karriereförderlich in Münster.
Hotte hatte überlegt, ob er zu Weihnachten nächsten Jahres eine Krippe in den Vorgarten stellen sollte. Freche Zwerge sollten frommen Zwergen weichen, hatte er sich vorgenommen. Er hatte sich auch gefragt, wie viel Zeit er wohl im Fegefeuer verbringen müsse, um für seine Sünden zu büßen. Und da waren ihm einige Sünden eingefallen. Er hatte bei einigen Mieterinnen im Haus heimlich, aber heftig sein Glück versucht. Einmal hatte ihn ein Ehemann dafür sogar verprügelt. Seine Zimmer und Wohnungen hatte er so teuer vermietet, dass der Mieterverein von Wucher gesprochen hatte.
Hotte hätte gerne zusammen mit dem Törfchen den lieben Gott auf sofortigen Einlass in den Himmel verklagt. Er hatte gehört, dass es in Amerika gute Sitte sei, dass ein Präsident am Ende seiner Amtszeit sich und andere begnadige. Besonders Wahlkampfspenden führten in den USA dazu, dass man sogar als verurteilter Verbrecher aus dem Gefängnis entlassen wurde. Hotte hatte überlegt, wieviel Geld es ihn kosten würde, sich aus der Hölle oder dem Fegefeuer freizukaufen. Er hatte den Pastor um ein Beichtgespräch gebeten und gefragt, ob er seinen Anwalt mitbringen könne und ob man mit dem lieben Gott auch einen schriftlichen Vertrag schließen könne. Der Pastor hatte Hotte erklärt, zwischen ihm und dem Himmel läge noch ein weiter Weg. Allein die Sache mit dem braunen Wasser schreie nach Fegefeuer. Vielleicht habe er sogar das fünfte Gebot verletzt, „Du sollst nicht töten“. Sollte ein Kind in seinem Mietshaus wegen des schlechten Wassers krank geworden oder umgekommen sein, so sei das keine lässliche, sondern eine schwere Sünde. Er werde ihm das einmal erklären, hatte der Dechant gesagt. Eine lässliche Sünde sei eine geringfügige Verfehlung, eine Alltagssünde wie eine Notlüge, die die Gottesbeziehung schwäche, aber nicht zerstöre. Sie könne durch das Vaterunser, ein Kreuzzeichen oder die Teilnahme an der Heiligen Messe vergeben werden.
Eine schwere Sünde trenne den Menschen bewusst von Gott und der Liebe. Eine schwere Sünde sei ein schwerwiegender Verstoß, z.B. gegen die 10 Gebote, bei voller Erkenntnis und voller Zustimmung. Aber auch schwere Sünden seien verzeihlich. Eine unverzeihliche Sünde dagegen sei die Blasphemie gegen den Heiligen Geist. Jede andere Sünde sei verzeihlich, einschließlich Mord. Das wunderbare an der christlichen Lehre sei, dass Gott jeden Menschen liebe und alle Sünden vergebe, wenn der Mensch umkehre und glaube. Laut biblischer Überlieferung (Matthäus 12,31-32) vergebe Gott jede Sünde und Lästerung, außer der Blasphemie. Blasphemie sei Gotteslästerung und bezeichne die öffentliche Verhöhnung, Beschimpfung oder respektlose Behandlung von Gott, heiligen Symbolen oder Glaubensinhalten der Religion. Da aber sehe er Hotte nicht als gefährdet an. Hotte respektiere Gott und wolle sogar sein Geschäftspartner werden.
Er werde mit seinem Chef, dem lieben Gott, über Hotte reden, hatte der Dechant zugesagt. Das aber sei nicht so einfach. Er müsse immer viel und lange beten, bis er eine Verbindung zu Gott hinkriege und im Pfarrhaus sei es immer so laut. Hotte hatte dem Pfarrer und seiner Haushälterin ein Wellness Wochenende bezahlt, damit beide für ihn einen guten Deal bei ihrem Boss, Gott nämlich, aushandeln konnten. „Der Taler in dem Beutel klingt, die Seele in den Himmel springt“, hatte ihm der Pfarrer auf die Postkarte aus dem Wellness Hotel geschrieben. Schon früher sei der Ablasshandel in Münster gute Sitte gewesen, fabulierte der Dechant gerne im Vorstand der Gemeinde. Er war ein großer Bewunderer des Ablasspredigers Johann Tetzel und dessen kirchlichen Ablasshandel im frühen 16. Jahrhundert. Damals hatte man sich durch Geldzahlungen das Seelenheil und die Befreiung aus dem Fegefeuer erkaufen können. Diese Finanzierung hatte ein prunkvolles Kirchenleben ermöglicht und den Bau des Petersdoms. Das Bistum Münster allein besaß im Münsterland über drei Millionen Quadratmeter an Land- und Waldgebieten. Davon sei vieles von frommen Menschen der Kirche geschenkt worden, hatte der Dechant berichtet.
Hottes Seelenheil könne es auf jeden Fall nutzen, wenn er sein Vermögen der Kirche vermache. Wenn er dann nach seinem Tode zur Himmelspforte käme, werde Petrus ihn wahrscheinlich durchwinken. Schwierigkeiten mache in solchen Fällen vielfach die Familie. Hier habe er schon erlebt, dass diese ihn zum Teufel gewünscht habe. Er schlage deshalb vor, dass Hotte der Kirche nur die Hälfte seines Vermögens vermache. Die Kirche habe kein Interesse an lauten Rechtsstreitigkeiten. Mit Gottes Segen und der Hilfe des Kirchen-Notars werde man ihm schon ein gutes Plätzchen im Himmel sichern.