Satire: Schützenfest und Julius Cäsar
Auszug aus dem Satire-Block: Neues aus Klingebiehl, Kocholt und dem Schwarzen Speckgürtel
Am Montagmorgen hatte Till Schupo, der Vertrauens-Polizist von Fritz Freimut von Kompost, diesen bei seinem Sender „Radio Gülle“ angerufen. Die beiden hatten zusammen in Lülihausen, einem schmucken Städtchen des Schwarzen Speckgürtels rund um Münster, die Schulbank gedrückt.“ Du glaubst es nicht“, hatte Schupo in den Hörer gebrüllt. „Unser Direx Cäsar hat den Schlitz vom Ordnungsamt mit seiner römischen Streit-Axt erschlagen.“
Zehn Minuten später hatte es in den Gülle-Nachrichten geheißen, der Vorsitzende des Schützenvereins Theo Schlitz, sei in der Nacht von Samstag auf Sonntag in seinem Haus in Lülihausen erschlagen worden. Beim Täter handle es sich um den Oberstudiendirektor Dr. Christian Weber, den Leiter des Gymnasiums von Lülihausen. Weber habe die Tat gestanden. Noch vor Ort habe er erklärt, er habe Schlitz, den Krach-Proll vom Ordnungsamt, mit seiner römischen Streit-Axt erschlagen. Einer müsse damit anfangen, dem versoffenen Pack im Speckgürtel die Stirne zu bieten. Er sei sehr dafür, dem Volke Brot und Spiele zu bieten. Schon die römischen Kaiser hätten so das Volk ruhiggestellt und regiert. Aber es müsse schon klar sein, wer Kaiser sei und wer das Volk. Wenn der Plebs, so nenne der Lateiner das Volk, nachts das Ruder übernehme und die Nachtruhe mit Geschrei und Musik zerstöre, dann sei es um die Ordnung geschehen. Dann sei die Zeit für die römische Streit-Axt gekommen. Die habe er von einer Studienfahrt aus Rom mitgebracht. Diese Axt sei schon im Krieg gegen die barbarischen Gallier im Einsatz gewesen, habe man ihm in Rom im Souvenir-Shop versichert.
Seit Donnerstag sei er von Gewehrschüssen und Explosionen terrorisiert worden. Es habe sich angehört, als sei Lülihausen im Kriegszustand. Seine Frau habe ihm erklärt, auf dem Festplatz hinter der Kirche habe man am Donnerstagnachmittag den Platz für das jährliche Schützenfest vorbereitet. Im Anschluss habe es einen Umtrunk für die Helfer gegeben und man habe die Musikanlage getestet. Der Testlauf habe bis 2Uhr in der Früh stattgefunden. Am Freitagnachmittag habe das Vogelschießen stattgefunden, um den Schützenkönig für dieses Jahr zu küren. Seine Frau unterrichte am Gymnasium Sozialwissenschaften und Deutsch und sei mit dem Alltagsleben in Lülihausen besser vertraut als er. Sie habe gesagt, den großen Knall gebe es, wenn der Vogel abgeschossen worden sei und der neue König feststehe. Dann werde ein Riesenböller gezündet. Einige Jagdhunde im Umfeld hätten sich da im letzten Jahr losgerissen und seien selbstständig auf die Jagd gegangen. Radio Gülle hatte damals verbreitet, es seien keine Wölfe in den Lülihauser Wäldern unterwegs, sondern hungrige und verwirrte Jagdhunde und deren Herrchen auf der Suche nach ihnen.
Am Freitag letzter Woche habe es abends die Diskothek für die Jugend gegeben und am Samstagabend den großen Königsball. Die Eliten der Politik von Lülihausen und die Chefs des Schützenvereins seien austauschbar. Wer was werden wolle in der Speckgürtel-Politik, müsse den Weg über den Schützenverein gehen, habe seine Frau gesagt. So sei nun mal der Filz im Speckgürtel. Oberstudiendirektor Dr. Weber hatte zu Protokoll gegeben, eigentlich interessiere ihn das Alles nicht. Er sei ein Mann von Kultur und Bildung und es sei kein Zufall, dass seine Schüler ihm den Spitznamen „Cäsar“ gegeben hätten.
Von Kompost erinnerte sich sehr gut an Direx Cäsar. Zuerst hatte er zwei Jahre Latein Grundkenntnisse gepaukt an Hand des Lehrbuches „Ludus Latinus“, zu deutsch „Latein Spiel“. Dann hatte man mit der humanistischen Bildung begonnen. Er und seine Mitschüler hatten das Kriegstagebuch von Julius Cäsar mit dem klangvollen Namen „de bello gallico“, auf deutsch, “ Der Feldzug gegen die Gallier“ übersetzt. Direx Cäsar war ihr Latein-Lehrer gewesen. Beim Wort Julius Cäsar hatte der immer genussvoll die Augen verdreht, sodass die Schüler ihn „Direx Cäsar“ genannt hatten.
Später hatte von Kompost herausgefunden, dass das Volk der Gallier zu Cäsars Zeiten aus acht bis zehn Millionen Galliern bestanden hatte. Cäsar hatte einen Teil Galliens erobert, der etwa die Größe Frankreichs und der Benelux Staaten gehabt hatte. In dem zehnjährigen Feldzug waren etwa eine Millionen Gallier, Soldaten und Zivilisten, gestorben, auf Seiten der Römer etwa zwanzig bis dreißig tausend Soldaten. Eine Millionen Gallier waren als Sklaven verkauft worden. Das Ganze war aus heutiger Sicht ein Völkermord und Kriegsverbrechen gewesen. Oberstudiendirektor Weber aber hatte darin das Wirken des Genies Julius Cäsar gesehen.
Den Schülern war es damals darauf angekommen, ins nächste Schuljahr versetzt zu werden. Später hatten die Schüler im Lateinunterricht die Liebesgedichte des römischen Dichters Catull nicht nur übersetzen, sondern auch vorlesen müssen und zwar im Hexameter, einem lateinischen Versmaß. Von Kompost erinnerte sich mit Schaudern daran, dass er in seinem Gedichts-Vortrag immer in den Rhythmus des Wiener Walzers gefallen war. Direx Cäsar hatte mit bebender Stimme in der Klasse erklärt, Catull, der eigentlich Gaius Valerius Catullus geheißen habe, sei ein römischer Dichter des ersten Jahrhunderts vor Christus gewesen. Er habe einhundert und sechszehn kunstvolle und gefühlsbetonte Gedichte verfasst. Er freue sich darauf, diese mit seinen Schülern zu übersetzen und im Hexameter vorzutragen.
„Was für ein Scheiß. Ich glaub, ich dreh durch“, hatte von Kompost damals fassungslos in die Klasse gebrüllt. Direx Weber hatte ihn mit vernichtendem Blick angeschaut und gerufen, „Was macht es der westfälische Eiche, wenn sich eine Sau dran reibt“. Das sei eine Beleidigung, hatte der damalige Klassensprecher Till Schupo zurückgebrüllt. Solange er sich nicht entschuldige, trete die Klasse in den passiven Streik. Alle in der Klasse hatten die Stühle dann umgedreht und die Rückseite des Klassenzimmers angestarrt. Direx Weber hatte getobt, was er gesagt habe, sei eine Metapher, ein rhetorisches Stilmittel, sozusagen ein bildhafter Vergleich. „Nix da“, hatte Till Schupo gebrüllt, alle in der Klasse hätten sehr gut gehört, dass er von Kompost eine Sau genannt habe. Direx Cäsar war aus der Klasse gerauscht und der Vertrauenslehrer war eingeschaltet worden. Der hatte eine mündliche Entschuldigung des Oberstudiendirektors übermittelt und den Hinweis, dass man sich im Leben immer zwei Mal sehe. Die nächste Latein-Arbeit werde in zwei Wochen geschrieben. Schupo und von Kompost hatten mühsam das Abitur geschafft und seitdem eine Mörderwut auf Latein und auf Direx Cäsar. Der hatte sich angewöhnt, in der Schule seine römische Streit-Axt am Gürtel zu tragen und damit im Sommer Kokosnüsse und im Winter Walnüsse auf dem Lehrerpult zu zertrümmern.
Am Samstagabend hatte es beim Vorsitzenden des Schützenvereins Theo Schlitz, im Anschluss an den Ball für den Vorstand ein Spiegeleier Essen gegeben. Schlitz gehörte der richtigen Partei an und galt als Bürgermeister in Lauerstellung. Schlitz wohnte Luftlinie zweihundert Meter von Direx Cäsar entfernt. Der hatte um 4.30 Uhr bei Schlitz erst die Tür mit der Streit-Axt eingeschlagen und dann Schlitz mit der Streit-Axt den Kopf gespalten. Das sei genauso einfach gewesen, wie Kokosnüsse zu zertrümmern, hatte er der Mordkommission erklärt. Auch die seien von außen schwarz-braun und hart und von innen hohl.