Satire: Frömmeln für Anfänger
Auszug aus dem Satire-Block: Neues aus dem nahen und fernen Schwarzen Speckgürtel
Radio Gülle Redakteur, Fritz Freimut von Kompost, hatte den Kaffee heftig über den Schreibtisch geprustet. Getroffen hatte er die gegenüber liegende Wand mit einem Poster eines Münsterland Schlosses. Der Grund: er hatte gerade den Brief der VHS-Chefin vom Speckgürtel-Verband gelesen. Darin bat ihn die VHS-Chefin, Gräfin Katharina vom erhobenen Finger, Werbung zu machen für das neue VHS-Seminar „Frömmeln für Anfänger“. Gerne sei sie auch bereit, in die Radio-Morgenschau von Radio Gülle zu kommen, um im „Frühen Hahnenschrei“ selber Werbung für das Seminar zu machen. Gerne könne man im Studio auch erste praktische Übungen mit dem Publikum machen, wie „demütig den Blick senken“ oder die Übung für Fortgeschrittene „frommes Augenrollen“. Wenn nötig, werde sie das Seminar selbst leiten. Sie habe sich bisher erfolgreich durchs Leben gefrömmelt und gebe Karriere-Tipps gerne an junge Menschen weiter.
Der stellvertretende Chef der Industrie- und Handwerkskammer des Schwarzen Speckgürtels (IHK-SG) habe sie gebeten, dieses Seminar anzubieten. Die Umsätze in Unternehmen, die ältere Menschen als Kunden hätten, seien stark gesunken. In den Blumenläden verzweifelten die Chefs an der Rauheit des Tones der jüngeren Mitarbeiter. Auch die Blumen ließen die Köpfe hängen beim Anblick der Jugend heute. Empathie sei für Kids und Teenies heute eher ein Fremdwort und Demut hielten sie vermutlich für eine Tee-Sorte. Das gelte auch für viele Migranten-Kids. Früher hätten viele von denen ältere Menschen mit Respekt behandelt, wie die Eltern es ihnen beigebracht hätten. Jetzt hätten sie sich, beeinflußt durch Kita, Hort und Schule, an den rauen Alltags-Autismus aller Kids angepaßt, manche sprächen von der „Generation Narzissmus“.
Das sei Gift fürs Geschäft. Man wisse doch, dass im Speckgürtel die Mehrzahl der Menschen konservativ und älter seien. Gerade im Speckgürtel seien die Menschen umso frömmer, je älter sie würden. Frömmigkeit sei ein gutes Mittel im Schwarzen Speckgürtel, um Armut wettzumachen. Wer sich nicht in den Himmel durch Spenden kaufen könne, dem bliebe nur die Flucht in die Frömmigkeit, um dem Pastor zu gefallen und dem klerikalen Hofstaat. So hofften die Alten im Speckgürtel, schnell im Himmel zu landen und Arthrose und Diabetes hinter sich zu lassen.
Hier könnten alle Speckgürtler von den Bettlern aus dem sündigen Münster lernen, sage sie gerne. Es sei eine Lust anzusehen, wie gute Bettler Arme und Beine verdrehten, um Mitleid zu erregen, manche spielten auch blind. Sie sei immer heilfroh, wenn diese nach einiger Zeit von anderen Bettlern abgelöst würden und dann wieder fröhlich die Straße entlang schlenderten. Ein Bettler im Dienst sei mit all dem geschlagen, was der Münster-Spießer fürchte. Blindheit und Taubheit, Hexenschuss und Verlust eines Beines oder Fußes. Wenn der Spießer dann einen müden Euro in den Hut des Bettlers werfe, fühle er sich überlegen und mildtätig. Sie habe schon mal überlegt, einen Bettler als Dozenten zu engagieren für das Seminar „Kundenorientierung“. Ihr fehlte aber der Ansprechpartner. Bettler seien nicht gewerkschaftlich und auch nicht als mittelständisches Unternehmen organisiert, soweit sie wisse. Aber die Bettler seien hingebungsvoll kundenorientiert und genau daran fehle es der Jugend im Speckgürtel heute. Das es auch anders gehe, sehe sie bei ihrem Physiotherapeuten. Der habe im Gespräch eine Schleimer-Routine entwickelt, wie ein Friseur. Er frage sie immer superfreundlich, wie es ihr gehe. Dennoch habe er fünf Therapie Stunden gebraucht, um zu verstehen, dass Toni nicht der Name ihres Mannes sei, sondern der ihres Dackels. Aber er versuche wenigstens, empathisch zu sein. Und eine gute Körpersprache sei auch wichtig, sage sie immer. Die müsse von Innen herkommen. Auch Meditation der rechten Art könne helfen. Eine halbe Stunde knien auf der Betbank in der Kirche zaubere ein wunderbares Schmerz-Gesicht herbei.
Auch der Handwerkskammer-Fuzzi habe geklagt, die innere Haltung sei das Problem der Kids heute. Zu Zeiten des seligen Helmut Kohls habe jeder aufstrebende Azubi gewusst, in welche Partei er eintreten müsse. Er selbst sei im Studium in eine schlagende Verbindung gegangen, obwohl er panische Angst vor scharfen Klingen aller Art habe. Die Verbindung sei natürlich auch katholisch gewesen. Er selbst habe zwar den Respekt vor Wundern aller Art verloren, seitdem er als Kind zu Weihnachten einen Zauber-Kasten bekommen habe. Er habe damals in kurzer Zeit gelernt, Wasser in Wein umzuwandeln. Als er den Trick am nächsten Weihnachtsfest vorgeführt habe, sei er aber von seinem Vater geohrfeigt worden, obwohl die Zauber-Show perfekt gewesen sei. Er habe sogar bei dem Trick ein Kirchenlied gesungen.
Aber er sei aus Karriere-Gründen in die schlagende Verbindung gegangen, habe mit den alten Knackern der Verbindung, die man „Alte Herren“ nenne, gesoffen und diese hofiert. In Demut habe er sich hochgedient. Dann habe es einen Karriere-Knick gegeben. Er habe vergeblich versucht, als Bürgermeister eines Speckgürtel Städtchens den gebeugten Kriechgang des Bürgers als staatsbürgerliche Haltung einzuführen. Zu wenige Bürger seien auch bereit gewesen, die Original-Helmut Kohl-Brille mit exakt seiner Brillenstärke zu tragen. Sein Modell „Leben wie Helmut Kohl, sei ein Kohlianer“ sei gescheitert, er sei als Bürgermeister abgewählt worden. Darum sei es wichtig, der Jugend im Speckgürtel heute bei der VHS gute Sitten beizubringen. Das Seminar „Frömmeln für Anfänger“ könne ein Anfang sein.
Wenn er sich die jüngeren Verkäufer heute anschaue, sehe er nicht deren Bereitschaft, auf den älteren Kunden einzugehen. Sie seien nicht bereit, den Blick zu senken, das Kreuz vor der Brust zu schlagen und die Augen fromm zu verdrehen. Ganz im Gegenteil, die Kids malten sich aller Orten Hände und Arme bunt an, tätowieren heiße das. Das befremde ihn total. Und die alten Leute im Schwarzen Speckgürtel bekreuzigten sich bei deren Anblick. Sie kauften dann eher im Internet, was ganz schlecht sei fürs Geschäft im Schwarzen Speckgürtel. Das Wort „Individuum“ sei in den guten alten Zeiten ein Schimpfwort gewesen und diese guten alten Zeiten müssten wieder her. Marschieren im Gleichschritt könne hier helfen und kollektives Singen. Gekonntes Frömmeln müsse wieder zu einer Führungskräfte-Anforderung werden.