Satire: Wenn die Pizzeria in Baumhaufen brennt und Radio Gülle nach Worten sucht
Ausschnitt aus dem Satire-Block: „Satiren gegen Rassismus“ und „Neues aus dem nahen und fernen Speckgürtel“
Fast die Hälfte der deutschen Nationalelf seien keine echten Deutsche, hatte Auto-Schrauber Theo an der Theke zur „Deutschen Eiche“, irgendwo im schwarzen Speckgürtel, gejammert. Die hätten zwar einen deutschen Pass, seien aber rundum bunt und einige davon beteten zu Allah. Die würden sogar Tore für Deutschland schießen, aber die zählten nicht. Er werde die Weltmeisterschaft nicht mehr anschauen, dieser Fußball sei undeutsch.
Nach drei weiteren Schnäpsen war er mit dem Auto in die Ortsmitte von Baumhaufen gefahren und hatte die italienische Pizzeria angezündet. Man müsse mit der Remigration endlich ernst machen, hatte er der Polizei erklärt. Das Itaker-Pack triebe sich schon mehr als 60 Jahren in ganz Deutschland herum, auch in seiner Heimatstadt Baumhaufen. Mit einigen Itaker-Kids sei er sogar zur Schule gegangen. Einer davon sei sein Zahnarzt, der könne vorerst bleiben. Pizza-Bäcker aber sollten sofort den Weg über die Alpen zurückgehen. Er möge Pizza, aber nur im Urlaub und in Italien. Jedes Land solle bei dem bleiben, was es von alters her gut könne. Er wolle im Urlaub in Italien kein italienisches Bier trinken. Hopfen und Malz gehörten nach Deutschland, Rotwein in den Süden Europas.
Die aktuelle Politik der Europäischen Union bringe hier alles durcheinander. Es sei kulturelle Aneignung, wenn ein Deutscher Pizza backe oder ein Italiener Bier braue. Er werde demnächst auch Döner Läden im Speckgürtel abfackeln. Der Döner sei das trojanische Pferd der Türken in die deutsche Küche. Drei Millionen Türken seien inzwischen in Deutschland ansässig und verfremdeten die deutsche Kultur. Wenn er einen Döner essen wolle, dann fahre er in die Türkei auf Urlaub, hatte er dem Haftrichter erklärt. Und in Baumhaufen verkaufe der Döner-Laden sogar Pommes und Pizza. Die Welt stehe Kopf, er sehe allerorten Babylon.
Die Kirche in Baumhaufen aber schweige. Einige junge Leute der Gemeinde machten sogar mit bei der Aktion „Baumhaufen bleibt bunt“, anstatt, wie ihr Herr vor zweitausend Jahren, das Haus des Herrn sauber zu halten. Im Matthäus-Evangelium hieße es, kurz vor dem jüdischen Passahfest reiste Jesus nach Jerusalem. Dort sah er im Vorhof des Tempels viele Händler, die Opfertiere verkauften. Auch Geldwechsler saßen hinter ihren Tischen. Jesus nahm eine Peitsche und jagte die Händler und Geldwechsler aus dem Tempelbezirk. Er schleuderte das Geld der Wechsler auf den Boden und warf ihre Tische um. Er rief, „das Haus meines Vaters ist doch keine Markthalle!“ Wenn die Kirche und ihr Jungvolk den Verstand und die Moral verloren hätten, dann müsse er handeln. In der Gemeinde in Baumhaufen gebe es sogar einen schwarzen Kaplan. Ihm schaudere bei dem Gedanken, zu einem Neger zur Beichte zu gehen. Der stehe ganz oben bei ihm auf der Abschussliste. Im Übrigen müsse die Aktion heißen, „Baumhaufen bleibt schwarz und fromm“. Dann wäre auch er dabei.
Von Kompost hatte die Meldung über Auto-Schrauber Theo und die abgebrannte Pizzeria morgens im „Frühen Hahnenschrei“, dem Morgen Magazin von Radio Gülle, vorgelesen. Er hatte laut lachend erklärt, er hoffe, dass Dummheit nicht ansteckend sei. In der Kantine von Radio Gülle hatte ihn später Luzia Schnärk, eine Köchin aus Lülihausen angefahren, ob ein ehrlicher Bratkartoffel-Jünger nicht mehr seine Meinung sagen und so handeln dürfe. Sie habe in der Schule das achte Gebot gelernt, das laute: „Du sollst nicht lügen“. Sie hatte von Kompost in seine Cola gespuckt und ihm kein Wechselgeld zurückgegeben. Er könne wohl nicht rechnen, hatte sie ihn angebrüllt. Ob er zu viel Pizza gegessen habe, er solle es mal mit Kartoffeln versuchen, das sei eine ehrliche deutsche Knolle und gut fürs Rechnen.
Von Kompost hatte seinem Chefredakteur empört davon berichtet, doch der hatte nur resigniert geschnauft. Von Kompost solle nicht leichtfertig mit dem sozialen Frieden im Sender spielen. Er plädiere dafür, in der Kantine von Radio Gülle, einen Pfannkuchen-Tag einzuführen und eine deutsche Speisekarte. Von Kompost solle doch mal im“ Frühen Hahnenschrei“ seine Landvolk-Hörer aufrufen, undeutsche Worte wie „Curry Wurst“ oder „Pizza“, aber auch „Spaghetti“ durch deutsche Worte zu ersetzen. Der neue Trend widerspreche dem Grundgesetz und sei piefig, das gebe er zu. Aber Münster-City sei schon an die Grünen verloren gegangen. Jetzt gehe es darum, das Umfeld Münsters nicht auch noch zu verlieren. Immer mehr Studenten hätten sich in den 70er Jahren nach dem Studium in Münster niedergelassen. Sie hätten das katholische Münster unterwandert und aus der Schwarzen Schönheit Münsters eine Grüne Stadt voller Lebensfreude gemacht. Das dürfe nicht noch mal passieren. Es gebe im Leben Wichtigeres als Spaß und Freude.
Immer mehr Grüne Münsteraner ließen sich im Speckgürtel nieder und vergäßen, dass man im Speckgürtel an der Stadtgrenze auch seine Meinung ändere. Das sei gutes Duckmäusertum und habe dort Tradition. Wenn man für den schwarzen Machterhalt auf dem rechten Rand nach Stimmen fischen müsse, dann sei das eben so. Radio Gülle sei eine Chance, bereits morgens um sechs mit dem „Frühen Hahnenschrei“, Herz und Stimme des Landvolkes zu erreichen. Die Geldgeber von Radio Gülle hätten hier eine klare Erwartung formuliert. Und wie sage schon der Lateiner „Pecunia non olet“. „Geld stinkt nicht“, sage der Deutsche. Dem Sender gehe es um Heimat und Tradition und den konservativen Machterhalt. Wenn ihm das nicht passe, sei er bei Radio Gülle verkehrt.