Satire: Radio Gülle und rattenkahl um den Kopf herum
Auszug aus dem Satire-Block: Neues aus dem nahen und fernen Schwarzen Speckgürtel
„Hier muss sich Einiges ändern“, hatte Radio Gülle Chefredakteur, Theodor Stoffling, den alle Stoffel nannten, in die Redaktions-Runde gerufen. „Radio Gülle braucht einen frischen neuen Wind“. Er hatte dafür nur ein müdes Grinsen geerntet. Stoffel schien erneut ein Führungskräfte Training hinter sich gebracht zu haben. Danach war Radio Gülle Redakteur Fritz Freimut von Kompost in das Büro von Stoffel gerufen worden. Der hatte ihn vorwurfsvoll angeschaut und geseufzt, Geld verderbe den Charakter und verbiege die Moral. Hier schienen die Worte der letzten Predigt im Dom zu Münster Stoffel noch in den Ohren zu liegen. Das sei ein gutes Thema für die Morgensendung „Zum frühen Hahnenschrei“, hatte von Kompost geantwortet. Immer mehr Hühner-Bauern kauften Billig-Eier beim Aldi und verkauften diese als Öko-Eier weiter. Sie erklärten, wenn man ein wenig Gülle über die Eier sprühe, verfügten auch diese Eier über Öko-Charme. Stoffel hatte von Kompost mit einer Handbewegung das Wort abgeschnitten. Hier gehe es nicht um Öko-Kleinkram, sondern um das große Ganze. Stoffel redete gerne vom großen Ganzen, wenn er mit den Reichen und Mächtigen des Schwarzen Speckgürtels gegolft hatte.
Am gestrigen Nachmittag hatte Stoffel mit der Klempner Firma „Wir drehen dein Ding“ gegolft. Firmen Gründer Alois Rohrdreher und sein Sohn, beide im Mittelstand des Speckgürtels aktiv, hatten geklagt, sie vermissten bei Radio Gülle das Völkisch Nationale. Schön wäre es, wenn der Kikeriki-Weckruf im „Frühen Hahnenschrei“ die Melodie der Nationalhymne habe. Das nationale Wir-Gefühl müsse im Sender mehr angesprochen werden. Auf dem Bauernhof gehe es ja auch nicht ohne Teamgeist, da packten alle mit an, Tier und Mensch, jeder an seinem Platz. Im Stall gebe es keine Frührente und oder sonstige Drückebergerei. Wenn ein Rindvieh sich krank stelle, werde es notgeschlachtet. Das sei eine Einstellung, die man auch von Radio Gülle hören wolle. In ihrem Unternehmen störten keine nervigen Gewerkschaftler den sozialen Frieden. Es herrsche der völkische Teamgeist: eine Firma, eine Familie, ein Führer.
Im „Frühen Hahnenschrei“ erwarte man eine positive Würdigung dieses neuen nationalen Denkens. Gerne komme er mit seinem Sohn auch in den „Frühen Hahnenschrei“. Aber die Sendung müsse auch ihren Beitrag leisten. Auf einem Presse Foto der Sendung habe er gesehen, dass einige Menschen im Studio ihre Haare zu einem roten Hahnenkamm hochgegelt hätten. Er erwarte in einem deutschen Rundfunk Studio mehr Zucht und Ordnung um den Kopf herum. Gewünscht seien neun oder sechs Millimeter Haareslänge an der Seite und zwei bis fünf Zentimeter auf dem Kopfe. Das sei Deutsch, wie man es aus der Zeit der Deutschen Wehrmacht her kenne. Eine weitere Forderung sei, im „Frühen Hahnenschrei“ solle es fortan zur Begrüßung heißen, „Aus den Betten ihr faules Gesindel“.
Das sei natürlich so indiskutabel, hatte Stoffel erklärt, der Mitteilung von Rohrdreher fehle jeder stilistische Schliff. Er werde aber den Rohrdreher-Vorschlag zum Teil übernehmen. Am nächsten Montag werde es vor der Redaktionssitzung einen Haar Appell geben. Er werde einen Friseur seines Vertrauens mitbringen. Der werde ihnen mit Kamm und Schere einen modisch patriotischen Haarschnitt verpassen. Anschließend werde es ein ordentliches Hahnenschrei Team-Foto für die Presse geben. Er wünsche sich auch optisch ein Team, das in die Landschaft des Schwarzen Speckgürtels passe.