Satire: Radio Gülle Mitarbeiter kämpfen um ihre Haare

Auszug aus dem Satire-Block: Neues aus dem nahen und fernen Schwarzen Speckgürtel

„Und Montag ist die Matte ab, wenn nicht noch was geschieht“, hatte von Kompost seinem Team hinterhergerufen, als sie Freitagnachmittag das Radio Gülle Studio verlassen hatten. „Ganz bestimmt nicht“, hatte ihn Ton-Techniker Martin aus dem Kreuzviertel in Münster angefaucht. „Ich tauche bei meinen Freunden und in der Kneipe ganz bestimmt nicht im Fascho Look auf. Dann lässt sich meine Frau scheiden.“ Am Samstag morgen hatte Tontechniker Martin per WhatsApp von Kompost geschrieben, er habe sich schlau gemacht. Chefredakteur Stoffling könne seinen Mitarbeitern nicht einfach eine Frisur vorschreiben. Er habe Freitagnachmittag, nach Dienstschluss, noch Willy vom Betriebsrat von Radio Gülle informiert und der habe die Angelegenheit sofort an die Gewerkschaft in Münster weitergeleitet. Stoffling schien für die Gewerkschaft ein rotes Tuch zu sein. Die Gewerkschaft habe sofort reagiert und eine Info für die Presse geschrieben.

Er habe ihm diese Info per Mail geschickt. Von Kompost hatte heftig schlucken müssen, als er die Presse-Info gelesen hatte. „Radio Sender Gülle will Mitarbeitern Fascho Haarschnitt verpassen“, lautete die Überschrift der Presse Mitteilung der Gewerkschaft. Im Text stand weiterhin, im Radio Sender Gülle, der im Schwarzen Speckgürtel Münsters beheimatet sei, habe Radio Gülle Chefredakteur Theodor Stoffling am Freitag Mitarbeitern erklärt, es werde am kommenden Montag im Sender einen Haar Appell geben. Er werde einen Friseur seines Vertrauens mitbringen. Der werde Radio Gülle Mitarbeitern mit Kamm und Schere einen modisch patriotischen Haarschnitt verpassen. Anschließend werde es ein ordentliches Foto des Hahnenschrei Teams, dem Morgenmagazin von Radio Gülle, geben. Er wünsche sich auch optisch ein Team, das in die Landschaft des Schwarzen Speckgürtels hineinpasse.

Von Kompost hatte die Mail kommentarlos an Stoffling weitergeleitet. Der hatte von Kompost eine Stunde später angerufen. Er sei dem Herzinfarkt nahe. Von Kompost müsse sofort im Sender erklären, dass es sich hier um einen verspäteten April Scherz seinerseits handle. Dem Vorstand liege die Presse Info der Gewerkschaft bereits vor. Er habe dem Vorstand sein feierliches Ehrenwort gegeben, dass die gegen ihn erhobenen Vorwürfe haltlos seien. Stoffling hatte gesagt, wenn von Kompost erkläre, dieser April Scherz sei auf seinem Mist gewachsen, werde er ihm ewig dankbar sein. Er werde für von Kompost ein gutes Wort beim Vorstand einlegen und wahrscheinlich sei die Angelegenheit damit erledigt. Garantieren könne er allerdings für nichts.

Am Nachmittag war von Kompost von Dr. Fromm, dem Vorstandsvorsitzenden von Radio Gülle, angerufen worden. Der hatte von Kompost gefragt, ob er die Presse Mitteilung der Gewerkschaft inhaltlich bestätigen könne. Ihm lägen in der Sache „Haar-Appell“ weitere Beschwerden von Mitarbeitern von Radio Gülle vor. Außerdem sei seine Frau mit der Frau des Ton Ingenieurs seit Kindertagen befreundet. Die habe erklärt, was Stoffling verlange, sei ein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte ihres Mannes und aller Mitarbeiter von Radio Gülle. Sie werde heute noch mit ihrer alten Freundin Lisa sprechen, die im Büro des neuen Grünen Oberbürgermeisters arbeite. Dr. Fromm hatte erklärt, Stoffling scheine bei der Gewerkschaft kein unbeschriebenes Blatt zu sein. Meistens reagierten Gewerkschaften langsam, wenn überhaupt. Hier bahne sich ein Riesen-Skandal an.

Von Kompost hatte Dr. Fromm dann vom gesamten Vorfall erzählt. Dem Radio Gülle Chefredakteur Theodor Stoffling war daraufhin fristlos gekündigt worden. Im Schreiben des Anwaltes von Radio Gülle hatte es geheißen, das Verhalten von Theodor Stoffling widerspreche der journalistischen Ethik und den Grundsätzen des Senders. Sein Verhalten stelle einen unangemessenen Eingriff in die Freiheits- und Persönlichkeitsrechte der Mitarbeitenden dar und könne strafrechtlich als Versuch einer Nötigung gewertet werden. Eine Tätigkeit bei Radio Gülle sei nicht zu verwechseln mit einer Tätigkeit mit viel Kundenkontakt, wie z. B. in Banken oder im Flugdienst. Dort könne ein sogenanntes seriöses, gepflegtes Erscheinungsbild verlangt werden. Extrem auffällige unkonventionelle Frisuren oder sehr schrille Haarfarben, wie z.B. rot gefärbte und hochgegelte Haare in der Form eines Hahnenkamms könnten in solchen Branchen im Einzelfall untersagt werden. Das Verhalten von Chefredakteur Stoffling sei aber eine politisch motivierte Willkür-Handlung, von der sich der Sender in aller Form distanziere.

Von Kompost hatte sein Team am Samstagabend bei sich zu Hause zu einer Hahnenschrei-Party eingeladen. Bis spät in die Nacht war die Nachbarschaft durch wilde Hahnenschreie am Schlafen gehindert worden.