Satire: Hotte, der Wasserrohr-Bruch und der Schwarze Doktor
Ausschnitt aus dem Satire-Roman: Hotte-Hoppe-Heiter
Hottes Frau Irene hatte so laut aufgeschrien, dass Hotte die Kaffee Tasse aus der Hand gefallen war. Er war von der Terrasse in die Küche gestürmt und hatte im Vorbeigehen sein durchgeladenes Jagdgewehr von der Wand gerissen. Er war in der Küche in einer Wasserpfütze ausgerutscht und hatte eine Schrotladung in die Decke geballert. „Die neue Küche“ hatte seine Frau gejammert und auf die Kacheln gezeigt, die sich von der Wand gelöst hatten und auf den neuen Herd gefallen waren. Wasser tropfte auf den Parkettboden und floß in Richtung Diele. „Ich bring ihn um“, hatte Hotte gebrüllt und war mit dem Gewehr im Anschlag die Treppe hochgestapft zur Wohnung von Mieter Ferdinand, der über ihm wohnte.
Dort hatte niemand die Tür geöffnet und Hotte erinnerte sich, dass er gestern gesehen hatte, wie der verhasste Mieter Ferdinand sein Auto gepackt hatte, um mal wieder irgendwo ein Seminar durchzuführen. Ferdinand musste viel Geld verdienen, um die teure Wohnung, die kostspielige Freundin und seine drei Kinder zu finanzieren. Hotte hatte kurz entschlossen Ferdinands Wohnung geöffnet. Er hatte Schlüssel zu allen Wohnungen der Mieter. „Legal, illegal, scheißegal“ hatte er seiner Irene erklärt. Er müsse wissen, was das Mieter-Pack in den Wohnungen in seinem Haus treibe. Es könne nicht schaden, dort ab und zu mal nach dem Rechten zu sehen. Sein Anwalt, Dr. Theodor von Torf, von ihm das Törfchen genannt, zog bei solchen Sprüchen die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts.
In der Wohnung von Ferdinand saß Kater Maier auf dem Küchentisch und fauchte Hotte an. Auch hier befand sich Wasser auf dem Linoleum-Boden, die Wand war nass und Wasser tropfte aus der Decke von oben herab. Hotte schlug die Wohnungstür hinter sich zu und stürmte die Treppe hoch zur Wohnung von Dr. Charles Amani, einem Arzt aus dem Kongo. Dr. Amani arbeitete seit einigen Jahren in der Universitätsklinik Münster als Internist. Er hatte sich vor zwei Jahren auf die Wohnung beworben und Irene hatte gemeint, es sei immer gut, einen Arzt im Haus zu haben. Dr. Amani hatte in Münster studiert und sprach sehr gut deutsch. Er war nach dem Studium wieder in den Kongo zurückgekehrt, hatte das Land nach einem Jahr aber wieder verlassen müssen. Er war in Deutschland in die SPD eingetreten, weil er ein großer Fan von Willy Brandt war. Im Kongo hatte ihn die Geheim-Polizei zum gefährlichen Oppositionellen erklärt. Er war von der Polizei verhaftet und geschlagen worden. Seine Familie, die im Kongo zur Elite gehörte, hatte ihm geraten, das Land zu verlassen, er sei hier nicht mehr sicher. Er war nach Münster zurückgekehrt und hatte politisches Asyl erhalten. Er hatte seine Freundin Claire geheiratet, eine Krankenschwester aus dem Kongo und zwei Mädchen mit ihr bekommen. Er arbeitete seit Jahren in der Universitätsklinik Münster und war auf dem Weg zum Oberarzt. Er war sehr umgänglich und hatte Hotte mehrfach privat und kostenfrei wegen seines hohen Blutdrucks untersucht. „Rotwein ist für alte Knaben eine von den guten Gaben“, hatte er Hotte erklärt und gemeinsam hatten sie dann eine gute Flasche Merlot getrunken.
Hotte hatte Wasser unter der Tür Ritze ins Treppenhaus fließen sehen und hatte energisch mit dem Fuß gegen die Tür getreten. Claire hatte von innen die Tür aufgerissen und eine Machete in der Hand gehabt. Hotte hatte sein Gewehr fallen lassen und Laure hatte ihn finster angeschaut. Aus der Wand käme Wasser, hatte sie gerufen, wie das möglich sei. Das sei Wasser Diebstahl hatte Hotte sie angebrüllt und werde teuer für sie werden. Man könne nicht einfach Löcher in die Wand schlagen, um billig an Wasser zu kommen. Man sei hier nicht in Afrika, hier herrsche Zucht und Ordnung. Dann hatte er sie aufgefordert, für die nächsten Stunden die Wohnung zu räumen, Handwerker müssten den Wasserschaden reparieren. In vier Stunden könne sie wieder in ihre Wohnung. Claire hatte mit ihrem Mann telefoniert und Hotte dann mit finsterer Miene erklärt, sie werde mit den Kindern eine Freundin besuchen.
Hotte hatte natürlich gewusst, dass sein Haus nach dem ersten Weltkrieg gebaut worden war und dass die Wasserrohre aus Blei auch schon mehr als 100 Jahre alt waren. Ein Klempner hatte ihm vor kurzem gesagt, sein Wasser-System sei museal und illegal. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis eines der Rohre zerbrösele. Blei im Wasser sei sehr ungesund. Bis Anfang des Jahres 2026 hatten alle Bleirohre in Münsters Wohnungen ausgetauscht werden müssen. Doch Hotte hatte mit seinem Rechtsanwalt und Kumpel, dem Törfchen, beschlossen, dass das Wasser in seinem Elternhaus sauber sei. Er habe keine Lust, hatte er trotzig erklärt, im ganzen Haus die alten Bleirohre gegen teure Kupferrohre auszutauschen, nur weil irgendwelche Ökos das für richtig hielten. Das sei Anarchie.
Als Kind hatte Hotte lange mit seiner Familie im zweiten Stock gelebt. Im Erdgeschoss war das Geschäft gewesen, darüber im ersten Stockwerk das Holz-Lager, im Keller war die Schreinerei gewesen, die er später zu seinem Hobby-Raum gemacht hatte. Erst als sein Vater das elterliche Holzgeschäft aufgegeben hatte und seine Eltern verstorben waren, hatte er die „Belle Etage“ des Hauses, das Erdgeschoss, an sich reißen können. Als Kinder hatten sie sich manchmal über die alten Wasser Bleirohre gegruselt, die wie schwarze Kraken unter der Decke hingen und in der Wand verschwanden. Bleiwasser mache dumm, hatte der Bio-Lehrer in der Schule gesagt, es verändere das Erbgut zum Schlechten hin. Er hatte dabei immer bedeutsam in Richtung Hotte geschaut, der in keinem Fach, nicht mal im Sport, gut gewesen war. Hotte hatte dem Bio-Lehrer solange die Luft aus den Autoreifen gelassen, bis er in flagranti erwischt worden war. Dann hatte sein Vater kräftig für die Schule gespendet und ihm zuhause den Arsch versohlt.
Daran hatte Hotte denken müssen, als er in den Keller geeilt war, um das Wasser für das zweite Stockwerk abzustellen. Er war dann in seinen Bastel-Keller gegangen und hatte aus einem altern Schrank eine Werkzeug-Kiste hervorgekramt mit der Beschriftung: Bleirohre. Hotte war mit der Kiste in den zweiten Stock geeilt. Er hatte, wie er es oft mit seinem Vater zusammen gemacht hatte, die Leck-Stelle im Rohr mit einer Gummierung abgedichtet. Dann hatte er das Wasser für den zweiten Stock wieder aufgedreht. Er hatte das Wasser in der Küche mit einem Aufnehmer weggewischt. Dann war er in die Wohnung von Ferdinand gegangen. Mit ein wenig Glück würde Ferdinand erst in ein paar Tagen zurückkehren, hatte er sich gedacht und auch bei Ferdinand das Wasser weggewischt. Er hatte Kater Meier in der Toilette eingesperrt und die Küchentür weit geöffnet. Vielleicht trockneten die Wände so von alleine, hatte er gehofft. Wenn sich an den Wänden Schimmelpilz bilden sollte, würde er Ferdinand wegen fehlender Lüftung verklagen.
Ehefrau Irene hatte er erklärt, er wollte mit dem Törfchen besprechen, wie er die Mieter die Renovierung seines Altbaus zahlen lassen könne. Man müsse schauen, ob man im zweiten Obergeschoss die Schwatten nicht drankriegen könne um die neuen Wasserrohre in ihrer Wohnung zu bezahlen. Er fände es nur fair, wenn Flüchtlinge auch mal was für Deutsche täten.