Satire: Kirmes in Lülihausen und Mord an Wildpinklern
Ausschnitt aus dem Satire-Block: „Neues aus dem nahen und fernen Speckgürtel“
Im frühen Hahnenschrei, dem Morgen-Magazin von Radio Gülle, gab es seit kurzem die zehn Sekunden Blitz-Nachrichten von Hörern für Hörer. Jede Stunde einmal hatte ein Hörer die Möglichkeit, eine Nachricht über den Sender zu schicken. Häufig waren es Geburtstagsgrüße oder kleine Liebesbotschaften. Hörer konnten diese kleinen Botschaften auf ein Band sprechen, das von Töns, dem Toningenieur von Radio Gülle, ausgewertet wurde. Töns hatte Radio Gülle Redakteur von Kompost angerufen. Er wisse nicht, ob man den zehn Sekunden Anruf von Theo Tresemann witzig finden solle oder gleich der Polizei melden müsse. Tresemann habe eine Warnung an alle Wildpinkler in Lülihausen auf Band gesprochen. Wenn einer es wagen sollte, auf der Kirmes in Lülihausen in seine Hecke zu pinkeln, müsse der mit dem Schlimmsten rechnen. Jedes Jahr ließen sich die Asis von Lülihausen auf der Kirmes mit Bier und Schnaps volllaufen und pinkelten dann in seine Hecke, die sich direkt neben dem Bierstand befinde. Die Kirmes finde immer im heißen Hochsommer statt, wo seine Hecke sowieso in Gefahr sei, zu vertrocknen. Wenn dann Liter von Urin diese Hecke bewässerten, würden seine Pflanzen im Urin versaufen. Er werde nicht tatenlos zusehen, wie Kirmes-Säufer seine Hecke mordeten, nur weil sie zu geizig oder zu bequem seien, für die Toilette neben dem Bierstand einen Euro zu bezahlen. Ab jetzt gelte: Auge um Auge, Zahn um Zahn, Urin um Blut. „Tod den Wildpinklern“, hatte Tresemann auf das Band geschrien.
Radio Gülle Redakteur von Kompost hatte seinen Kumpel und Polizei-Kontakt Till Schupo bei der Polizei Münster angerufen und gefragt, ob das eine echte Drohung sei, ob es sich hier um den angekündigten Amok-Lauf eines durchgeknallten Hecken-Freundes handeln könne. Till Schupo hatte die folgenden Daten in den Polizei Computer eingegeben: Theo Tresemann, Wildpinkelei auf der Kirmes in Lülihausen und Unfälle. Der Computer hatte schnell Ergebnisse ausgespuckt. In den letzten fünf Jahren waren in jedem Jahr mehr als zwei Leute an den Folgen eines Herzinfarktes in Lülihausen auf der Kirmes gestorben. Alle waren des Abends während des Pinkelns auf der Kirmes gestorben. Alle waren von Leitungswasser durchnässt gewesen und alle hatten Brandwunden an der Füßen, Beinen oder dem Unterleib gehabt. Alle hatten nach Zeugen-Aussagen vorher viel Bier und Schnaps an einem Bierstand in der Nähe der Hecke getrunken, wo auch Theo Tresemann wohnte. Die Polizei war damals von einer natürlichen Todesursache ausgegangen, einem Hitzestich oder einem Herzinfarkt möglicherweise. Wenn Hitze, Alkohol und Alter zusammenkämen, könne das passieren, hatte der Bürgermeister von Lülihausen erklärt und weise mit dem Kopf gewackelt. Für die Verbrennungen an den Füßen, Beinen und am Unterleib hatte man keine Erklärung gehabt. Der Bürgermeister hatte erklärt, Zigaretten rauchen schade eben der Gesundheit und Alkohol und Zigaretten zusammen könnten sogar zu Verbrennungen führen, wie bei den Unfall-Opfern zu sehen sei. Die Grünen im Rathaus von Lülihausen hatten gefordert, die Kirmes zur Tabak und Alkohol freien Zone zu erklären. Die Polizei hatte die Ermittlungen zu den Unfällen eingestellt.
Angesichts der telefonischen Drohungen von Theo Tresemann waren die Ermittlungen aber wieder aufgenommen worden. Die obere Polizeistelle Münster hatte die Soko Wildpinkler (WP) gegründet. Zum Leiter der Soko (WP) war Till Schupo bestimmt worden. Der hatte die Frage in den Raum gestellt, ob es sich hier sogar um Serienmorde handeln könne. Der Polizeichef von Münster hatte erklärt, man habe erstens bislang einen potentiellen Täter, zweitens einige mögliche Todesopfer und drittens neuerdings ein Tatmotiv, wenn man die Drohungen von Theo Tresemann ernst nehme. Noch könne man hier keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen den drei Punkten feststellen. Theo Tresemann sei der Verwaltung als schwieriger Bürger bekannt, der sich gerne als Hilfssheriff aufspiele und gerne und viel trinke. Nach Rücksprache mit dem Bürgermeister habe man sich entschieden, Theo Tresemann ab jetzt engmaschig zu überwachen und bei Gefahr im Verzug unverzüglich zu verhaften.
Tags drauf war Till Schupo mit zwei Polizisten in Zivil am frühen Abend nach Lülihausen gefahren, wo die Kirmes im vollen Gange gewesen war. Der Plan war, Theo Tresemann zu befragen und wenn möglich, in flagranti zu erwischen, und aus dem Verkehr zu ziehen. Das Trio hatte sich an die Wohnung von Tresemann angeschlichen, soweit das im Kirmes-Trubel möglich gewesen war. Man hatte ihn durch die Küchen Gardine sehen und durch das angelehnte Fenster hören können. Till Schupo und Kollegen hatten gehört, dass Theo Tresemann in seiner Küche laut gejubelt hatte. Das hatte gar nicht gepasst, denn neben der langen Hecke hatte ein Rettungswagen gestanden, in dem man versucht hatte, einem Kirmes-Besucher namens Freddy Münze das Leben zu retten. Der Freddy sei mal eben zum Pinkeln gegangen, hatten seine Kumpel gesagt, die zusammen mit ihm in einer Skat Runde waren. Freddy habe keine Lust gehabt, sich in die Schlange vor dem Toilettenwagen einzureihen und erklärt, er werde kurz in die Hecke nebenan pinkeln und sich dann ein neues Bier genehmigen. Er hatte für sich und seine Freunde eine neue Runde Bier bestellt und gesagt, er werde gleich wieder da sein. Seine Skat-Freude hatten gemeint, er solle es langsam angehen lassen, er habe doch vor kurzem noch einen Herzschrittmacher bekommen. Doch Freddy hatte abgewunken, seine Freunde sollten keine Spaßbremsen sein, heute sei Kirmes und da werde richtig Party gemacht.
Dann war Freddy ein Paar Meter in Richtung Hecke getorkelt, die akkurat auf eine Höhe von einem Meter zurückgeschnitten war. Seine Skat-Kumpel hatten ihn noch genüsslich seufzen hören, als er in die Hecke gepinkelt hatte. Dann hatten sie Freddy einmal kurz und dann sehr laut aufschreien gehört. Sie waren Freddy zur Hilfe geeilt, der am Boden gelegen hatte. Ein Rettungswagen war gerufen worden. Doch das Rettungsteam hatte nach langer Reanimation erklärt, Freddys Herz sei offensichtlich überfordert gewesen, er habe vermutlich einen Herzinfarkt erlitten.
Till Schupo und sein Team aber hatte das nicht überzeugt. Sie hatten bei Tresemann geklingelt, der aber hatte nicht reagiert. Man hatte ihn aber über das angelehnte Küchenfenster gut hören können. Als der Rettungsarzt mit trauriger Miene den Umstehenden erklärt hatte, man habe Freddy nicht reanimieren können, hatte Tresemann in der Küche gejubelt, „Treffer und versenkt“. Die Polizei hatte dann die Tresemann Wohnung gestürmt, diesen verhaftet und alle technischen Geräte aus der Küche mitgenommen. Der Mord an Freddy Münze konnte an Hand der Tresemann-Videos gut rekonstruiert werden. In der Küche von Theo Tresemann hatte die Polizei ein halbes Aufnahme-Studio vorgefunden. Es gab mehrere Bildschirme um den Tisch herum, die mit verschiedenen Kameras verbunden waren. Eine Kamera auf dem Haus gegenüber der Küche hatte den Bierstand im Blick gehabt. Auf dem Video war zu sehen gewesen, dass Theo Tresemann beobachtet hatte, wie Freddy zur Hecke gegangen, besser gesagt, getaumelt war. Eine weitere Kamera unter dem Dachgiebel seines Hauses hatte das Geschehen um die Hecke herum im Blick gehabt. Auf dem Video war zu sehen, wie Tresemann sein Opfer, nämlich Freddy Münze, herangezoomt hatte. Als Freddy genüsslich zum Pinkeln angesetzt hatte, hatte Tresemann den Knopf „Wasser marsch“ in der Küche gedrückt und Freddy war mit Leitungswasser besprengt worden. Hinter der Hecke befand sich ein Art Rasensprenger, den Tresemann auf Freddy gerichtet hatte. Freddy hatte pudelnass dagestanden und sich ans Herz gegriffen. Dann hatte Tresemann den Knopf „Strom“ gedrückt und zwei in der Hecke versteckte Leitungen mit Strom aktiviert. Im Video war zu sehen, dass Freddy direkt in die Stromleitungen gepinkelt hatte. Da Urin durch gelöstes Salz hervorragend leitet, wirkte der Strahl wie ein Kabel. Der Strom war durch den Urinstrahl direkt in den Körper von Freddy geflossen. Die Gerichtsmedizin hatte bei Freddy im Genitalbereich starke Verbrennungen festgestellt. Der Stromschlag hatte den Herzschrittmacher in Freddy Herz so stark beschädigt, dass Freddy nach einem kurzen und schmerzhaften Krampf-Anfall tot gewesen war.
Till Schupo und seine Mannen hatte mit Fäusten gegen die Wohnungstür von Theo Tresemann getrommelt, der aber hatte sie nicht gehört. Man hatte ihn über das gekippte Küchenfenster gut hören können. „Treffer und versenkt“ hatte Tresemann in der Küche gejubelt. „Auf ein Neues, alle Maschinen zurück auf Start“, hatte er gebrüllt und sich einen tiefen Schluck aus einer Schnaps-Flasche genehmigt, wie durch die Küchengardine zu sehen gewesen war. Till Schupo hatte durch die Küchengardine auch gesehen, dass Tresemann sich interessiert die Bilder des Bier-Standes nebenan angeschaut hatte. „Ganz bestimmt nicht“, hatte Till Schupo gebrüllt und eigenhändig die Tür zur Wohnung von Theo Tresemann eingetreten. Tresemann war, in Handschellen gefesselt, zur Polizei Station Münster gebracht worden.
Am anderen Morgen hatte ein Richter Tresemann in Untersuchungshaft genommen. Auf den Videos, die auf dem PC von Tresemann sichergestellt werden konnten, waren deutlich die Aktionen von Tresemann zu sehen gewesen. Till Schupo hatte spät am Abend nach Tresemanns Verhaftung seinen Radio Gülle-Kumpel von Kompost angerufen und ihn vertraulich informiert. Man habe Theo Tresemann festgenommen und der habe einige Taten gestanden. Es handle sich wahrscheinlich um eine ganze Serie von Morden. Das hätten die alle verdient, hatte Tresemann zu seinen Taten erklärt und er sei stolz auf sich. Polizei Kommissar Till Schupo hatte von Kompost gebeten, er möge das zehn Sekunden Band von Theo Tresemann nicht senden, sondern der Staatsanwaltschaft zur Verfügung stellen. Alles Weitere werde morgen in einer Presskonferenz erklärt werden.