Satire: „Sieg Heil“ in Münster-Kinderhausen

Ausschnitt aus dem Satire-Block: Satiren gegen Rassismus

Am selben Abend, als in Sachsen-Anhalt 44 Prozent der Wähler die AfD gewählt hatten, startete Rutz in Münster-Kinderhaus eine Sieges-Party. Er hatte sich eine Flasche besten und günstigen Wodkas genehmigt. Er war auf den Balkon des Hochhauses mit Blick auf den Dom in Münster getreten und hatte vom siebten Stockwerk solange“ Sieg Heil“ in den Himmel gebrüllt, bis ihm die Luft knapp geworden war. Er litt seit Jahren an Asthma. Mit jedem Schluck war seine Stimme lauter, aber auch unverständlicher geworden. Nach zwei Stunden Krakeelen auf dem Balkon hatte er nur noch „Sieg“ in die Nacht gebrüllt.

Er hatte es dennoch geschafft, mit dem Aufzug in den Keller zu fahren. Er war von dort mit einigen Leuchtraketen zurückgekehrt, die von Silvester übriggeblieben waren. Er hatte seiner Frau Faby erklärt, heute sei der Geburtstag des neuen nationalen Deutschlands, das müsse man feiern.  Er hatte die erste Sylvester-Rakete in eine leere Weinflasche gestellt. Er wollte die Rakete in Richtung Himmel schicken, hatte aber den Balkon der Familie Müller getroffen, die im Hochhaus gegenüber wohnte. Die Kinder der Müllers hatten auf dem Balkon drei Karnickel-Ställe aufgebaut mit viel Stroh drin. Die Freuden-Rakete von Rutz, hatte die Karnickel Ställe in Brand gesetzt und die Karnickel umgebracht. Herumfliegendes Stroh hatte auch zwei Sommer-Sitzgranituren auf den Balkonen im Haus gegenüber in Brand gesetzt, ebenso drei aufgespannte Sonnenschirme. Das Feuer war von den Bewohnern selbst gelöscht worden, bevor die Feuerwehr eingetroffen war. Aus den Block gegenüber war das Weinen der Kinder zu hören gewesen und die Stimmen geschockter Bewohner des Hochhauses. Einer hatte gerufen, er habe auf seinem Handy gefilmt, dass der braune Rutz von gegenüber die Rakete gezündet habe. Rutz hatte dem Brand gegenüber erstaunt zugeschaut und Ehefrau Faby erklärt, es sei unglaublich, was die Leute alles auf den Balkon stellten. Das seien bestimmt alles Ausländer, aber denen gehe es jetzt an den Kragen. „Sieg und Remigration“, hatte er dann in den Himmel gebrüllt und sich noch einen tiefen Schluck aus der Wodka Flasche genehmigt.

Kurz darauf hatte die Polizei bei Rutz und Faby geschellt. Eine junge Polizistin mit dunkler Hautfarbe und Rasta Locken, begleitet von einem jungen blonden Polizisten, hatte Rutz erklärt, der Ruf “ Sieg Heil“ sei eine national sozialistische Grußformel und in Deutschland verboten. Er solle damit sofort aufhören. Das Strafgesetzbuch verbiete das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Dazu zählten neben Symbolen wie dem Hakenkreuz auch nationalsozialistische Parolen und Grußformeln wie „Sieg Heil“ oder „Heil Hitler“. Rutz hatte sie fassungslos angestarrt. „Mädchen“, hatte er die Polizistin angefaucht. „Willst du mir jetzt sagen, was ich in meinem Land sagen darf“. Dann hatte er ihr ins Gesicht gebrüllt, „Sieg Heil, verpiss dich Kanake.“  Rutz war dabei einen Schritt auf sie zugegangen und hatte die Hand erhoben. Der blonde Polizist hatte Rutz mit einem Judo Griff zu Boden geworfen und ihm Handschellen angelegt. Faby hatte in der Küche die erste Strophe der Nationalhymne in Dauerschleife gehört und sich einige Gläser Schaumwein genehmigt. Sie hatte Rutz aus dem Flur stöhnen hören. Der saß dort auf dem Boden, die Armen waren ihm vor den Bauch gefesselt worden. „Ich habe nichts getan“, hatte er gejammert und nach den Polizisten gespuckt. Der blonde Polizist hatte ihm daraufhin eine Spuckmaske über den Kopf gezogen. Da käme nun einiges zusammen, hatte er ihm erklärt. Brandstiftung, Angriff auf Polizeibeamte, Beleidigung und die Verwendung einer nationalsozialistischen Parole.

Ein Polizeiwagen hatte Rutz nach Münster zur Polizei gebracht. Der hatte die Nacht in einer Ausnüchterungszelle verbracht und war am Morgen dem Haftrichter vorgeführt worden. Seine Ehefrau Faby hatte ihn dann nach Hause mitnehmen dürfen. Sie hatte Rutz erklärt, ihnen sei seitens des Hausverwaltung fristlos gekündigt worden. Sie schlage vor, dass sie in den nächsten Tagen im Gartenhaus übernachten sollten. Sie habe schon mit einem Anwalt telefoniert und der habe erklärt, Rutz solle in den nächsten Tagen und Wochen unbedingt die Füße stillhalten und die Finger vom Wodka lassen. Er müsse mit einer erheblichen Strafe rechnen. Allein die Brandstiftung könne ihn ins Gefängnis bringen.