Satire: Theo Tresemann ist heckophil und wird König von Lülihausen
Ausschnitt aus dem Satire-Block: Neues aus dem nahen und fernen schwarzen Speckgürtel
Theo Tresemann hatte im Knast von seinem Anwalt per Post erfahren, dass ein Mitarbeiter des Staatsschutzes Münster ihn verhören wolle. Der Staatschutz habe aus sicherer Quelle erfahren, dass er gedroht habe, das Rathaus in Lülihausen abzufackeln. Außerdem wolle er einen Verein namens „Hecken-Schützen“ gründen und bewaffnen, um seine umweltpolitischen Ziele durchzusetzen. Tresemann stehe im Verdacht, eine politisch motivierte kriminelle Organisation gründen zu wollen.
Theo Tresemann hatte den Brief an die Wand geworfen und gebrüllt, das sei Unsinn, was das solle. Er sei kein Feind des Staates, der Staat sei ein Feind von ihm. Er habe er diesem Staate stets treu und ergeben gedient. Er habe zum Beispiel viele Hecken geschnitten, auch wenn es nicht seine Hecken gewesen seien, sondern Hecken der Stadt Lülihausen. Er habe diese Hecken sorgsam und mit Hingabe geschnitten. Hecken schneiden habe für ihn etwa Erotisches. Wenn er die elektrische Heckenschere in den Händen halte und mit breit gespreizten Beinen der Hecke gegenüberstehe, dann kribble es ihm auf das Angenehmste an Händen und Beinen und am Bauch. Wenn er eine Hecke neu frisiere, fühle er sich der Hecke sehr nahe. Er könne es nicht ab, wenn irgendein Flegel seine geliebten Hecken dumm anmache, scheel anschaue oder gar anpinkle. Dann sehe er rot. Kein Lover würde es zulassen, dass seinem Darling dieses widerfahre. Wenn er Hecken schütze, dann sei das gut für alle Bürger Lülihausens, gut für die Böden und das Grundwasser. Er warte darauf, für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen zu werden. Er sei ein vorbildlicher Bürger, von ihm könne mancher in Lülihausen noch was lernen. Man könne ihn heckophil nennen oder durchgeknallt. Das störe ihn nicht, ein Liebender müsse immer bereit sein, für die Liebe Opfer zu bringen. Dann sei er eben heckophil und das sei gut so.
Theo Tresemann hatte seinem Anwalt geschrieben, von Lülihausen her müsse ein Ruck durch Deutschland gehen. Er wolle in ganz Deutschland das Lülihausen-Recht einführen. Im Lülihausen Recht sei es so, dass die Nachbarschaft regle, was Rechtens sei und gut. Baue einer zum Beispiel auf seinem Grundstück eine Garage, dann sei das mit deutschen Recht vereinbar, wenn er eine Baugenehmigung habe. Baue er eine zweite oder dritte Garage auf seinem Grundstück, mache das Ordnungsamt Terror und das sei nicht in Ordnung. Im Lülihausen-Recht sei das besser geregelt. Jeder dürfe auf seinem Grund und Boden machen, was er wolle. Sein Großvater habe auf seinem Hof auch gemacht, was er wolle. Wenn dem auf seinem Hof einer quer gekommen sei, habe er gerufen, “Ik bin den Buur“. Habe das jemand nicht kapiert, habe er ihn mit der Flinte vom Hofe gejagt und die Hof-Hunde auf ihn gehetzt. Das sei gutes Lülihausen-Recht. Habe sein Großvater jemanden kennengelernt, dann habe er ihn gefragt, „Wat het ü anne Föte“. Und wenn der kein Land an den Füßen gehabt habe, habe der auch nichts zu sagen gehabt. Das sei gutes Lülihausen Recht und so stelle er sich einen guten Staat vor. Alle Menschen seien nicht vor dem Gesetze gleich. Je mehr einer anne Föte habe, umso mehr könne der sich rausnehmen. Alles andere sei gottlose Anarchie.
Und nach Lülihausen-Recht sei eine Hecke auch heilig. Wer sich an einer Hecke vergehe, der müsse strengstens bestraft werden. Wer einer Hecke diene, der sei ein Hecken-Priester oder sogar ein Hecken- Heiliger. Der gehöre nicht ins Gefängnis, sondern verehrt. Er warte darauf, von seinen Hecken Schützen aus dem Gefängnis befreit zu werden. Am Besten für alle sei, wenn er zum König von Lülihausen gekürt werde. Dann werde er als Theo der Erste, König von Gottes Gnaden und Diener aller Hecken, nach dem Lülihausen Recht herrschen. Sein königlicher Zorn werde die treffen, die es gewagt hätten, ihn so schändlich zu behandeln.