Satire: Theo Tresemann und die Hecken-Schützen in Lülihausen

Ausschnitt aus dem Satire-Block: Neues aus dem nahen und fernen schwarzen Speckgürtel

Von Kompost, Journalist bei Radio Gülle, hatte bei der Staatsanwaltschaft in Münster beantragt, mit Theo Tresemann ein Interview in der Untersuchungshaft zu führen. Das war abgelehnt worden. Die Staatsanwaltschaft hatte geschrieben, man sehe die Gefahr, dass Tresemann versuchen könnte, im Interview Zeugen seiner Tat in Lülihausen zu beeinflussen. Fritz von Kompost hatte dann in Sachen Tresemann und Lülihausen recherchiert und dort bei Freunden in der Verwaltung angerufen. Er hatte erfahren, dass Theo Tresemann nicht unbekannt in Lülihausen war. Er hatte vor seinem Mord-Anschlag auf der Kirmes versucht, einen Verein zu gründen. Er hatte im dortigen Bürgerbüro erklärt, er wolle in Lülihausen einen Verein zum Schutz von Hecken gründen mit dem Namen, „Die Hecken Schützen“. Der Staat schütze Hunde und Katzen über alle Massen. Es gebe Tierärzte und Fernsehsendungen über Hunde und Katzen. Er kenne aber keinen einzigen Hecken-Arzt und Hecken hätten keine Lobby. Keiner wage es, in aller Öffentlichkeit einen Hund oder eine Katze anzupinkeln. Aber er habe sogar Leute aus dem Ordnungsamt gesehen, die in Hecken pinkelten. Die Hecke sei sozusagen Freiwild und das werde er ändern. Er werde seine Hecken Schützen ordentlich bewaffnen. Revolver und Granaten seien das Minimum an Gegengewalt gegen Staats- und Gesellschaftsterror in Richtung wehrlose Hecken. Vielleicht müsse man erst das Rathaus in Lülihausen abfackeln, um gesehen zu werden.

Die Mitarbeiterin des Bürgeramtes hatte Tresemann, so die Kompost Recherche, einen Schwung Papier in die Hände gedrückt. Wenn er die Formulare ausgefüllt habe, könne er wiederkommen. Dann hatte sie ihren Chef über einen schrägen Öko-Vogel informiert, der sich bewaffnen und das Rathaus abfackeln wolle, um die Hecken in Lülihausen zu schützen. Ihr Chef hatte nur gelacht. Man könne nicht jeden bekloppten Öko-Revoluzzer in der Umgebung einsperren. Wenn sie wolle, könne sie den Fall aber dem Staatschutz bei der Polizei in Münster melden. Und so war es gekommen, dass Theo Tresemann noch am gleichen Tag eine Akte beim Staatsschutz in Münster hatte. „Bildung einer bewaffneten politischen Vereinigung“ stand auf Seite eins der Akte.

Mehr hatte von Kompost im Rathaus in Lülihausen nicht erfahren. Dann hatte er Till Schupo angerufen, seine Polizei-Quelle in Münster und langjährigen Kumpel. Der hatte von Kompost vertraulich eine Kopie der Akte des Vorgangs „Hecken-Mord in Lülihausen“ als Datei zugeschickt. Darin stand, die Staatsanwaltschaft habe das Ordnungsamt von Lülihausen um eine Einschätzung von Theo Tresemann gebeten. Das Ordnungsamt hatte erklärt, Tresemann lungere ständig um sein Haus und seine Hecke herum und versuche, mit seinen Nachbarn irgendwie ins Gespräch zu kommen.  Einen Nachbarn habe er einmal angeschnauzt, er solle seine Hecke nicht so scheel ansehen. Einen vorübergehenden Afrikaner habe er aufgefordert, sich schnellstens von seiner Hecke zu entfernen, er werfe einen dunklen Schatten auf seine Hecke. Beim Ordnungsamt in Lülihausen habe er den Antrag gestellt, bei Raupen und Ketten-Karussells auf der Kirmes eine Geschwindigkeitsbegrenzung einzuführen. Der starke Luftzug tue seiner Hecke nicht gut.

In der Akte der Staatsanwaltschaft hatte auch gestanden, dass Theo Tresemann beim Verhör darauf bestanden habe, als Halb-Baron angesprochen zu werden. Früher habe seinem Großvater halb Lülihausen gehört. Er fühle sich der Zeit seines Großvaters sehr verbunden. Er habe deshalb vor seinem Haus einen alten Traktor ohne Nummernschild geparkt. In seinem Vorgarten liege ein verrosteter Pflug. Beide Traditions-Güter habe er vom Bauernhof des Großvaters. Beide sollten einmal auf seinem Grab stehen, habe er im Testament festgelegt.

Von Kompost war entsetzt gewesen. Der Mord auf der Kirmes in Lülihausen sei ein politisch motivierten Mord, hatte er Till Schupo geschrieben. Er fragte sich, wie es Tresemann gelungen sei, so lange unter dem Radar der Staatsschutzes zu fliegen. Umso interessanter war Tresemann nun als Interview Partner für von Kompost. Allerdings nicht für den „Frühen Hahnenschrei“, das Morgen-Magazin von Radio Gülle, sondern für die monatliche Abendsendung, „XY auf dem Land – wer hat die Schwiegermutter geklaut“. Hier ermittelte er telefonisch mit den Hörern in ungeklärten Kriminalfällen auf dem Lande. Besonders beliebt war dabei die Rubik, „Wer hat was Böses über mich gesagt“. Zur Schlichtung dieser Konflikte waren eigens Schiedsmänner beim Gericht in Lülihausen ausgebildet worden. Beliebt war auch der VHS-Kurs in Lülihausen: „Konflikte lösen- eins aufs Maul! Ein Seminar mit praktischen Übungen und für alle Fälle“. Der Seminarleiter nannte sich „Höllenengel der Region“. Er hatte, wen wunderte es, sein Haus auf dem Land mit einer Hecke umgeben, die aber aus rostfreiem Stacheldraht bestand. Er war selbstverständlich auch Mitglied im Verein „Hecken Schützen“. Er hatte der VHS in Lülihausen auch das Sport-Seminar angeboten, „Der gekonnte Granatenwurf – Felder mal ganz anders pflügen.“