Satire: Hotte und die Fahne schwarz-rot-gold und Jürgen Klopp

Ausschnitt aus dem Satire-Roman: Hotte-Hoppe-Heiter

Sollte eine schwarz-rot-goldene Fahne in seinem Garten oder Vorgarten wehen, fragte Hotte sich bei einer guten Tasse Öko-Kaffee auf der Terrasse seines Hauses. Im Vorgarten wolle sie erstmal keine Fahne sehen, hatte Ehefrau Irene erklärt. Russische Patienten aus der Fuß-Pflege Praxis im Keller hatten ihr eine russische Fahne geschenkt. Dieser Fahne gehöre die Zukunft, hatten sie erklärt. Hotte hatte laut gestöhnt. Er erinnerte sich an den Ärger mit dem Putin Zwerg in seinem Zwergengarten im Jahre 2022. „Der Putin Zwerg muss weg“, hatte es von allen Seiten geheißen und sein geliebter Verein „Dein Zwerg und Du“ hatte gedroht, ihn rauszuschmeißen. Er hatte den Putin Zwerg in den Keller seines Hauses verbannt.

Im Lauf der letzten Jahre hatte Hotte immer mehr schwarz-rot-goldene Fahnen in den Vorgärten seines Viertels in Münster gesehen, meist zu Länderspielen der deutschen Nationalelf. Im Herbst 2026 hatte deren neuer Trainer, Jürgen Klopp, erklärt, er wolle die schwarz-rot-goldene Fahne wieder zurückholen. Er hatte dabei mit schneeweiß perfekten Zähnen in die Kameras gebleckt. Das seien sogar 34 Zähne hatte einige behauptet, also zwei Zähne mehr als die Natur vorsah. Klopp hatte erklärt, die neuen Schnappis hätten ihn eine Stange Geld gekostet.

Hotte hatte nichts gegen Fahnen. Er war als Student schon mal zu 1. Mai Demonstrationen, dem Tag der Arbeit, gegangen. Dort hatte es auch rote Fahnen gegeben. Jetzt war er ein paar Jahre älter, seit einigen Jahren Erbe der väterlichen Häuser und hatte keine Lust mehr auf stundenlange Demos. Er saß lieber vor dem Kaminfeuer in der schicken Erdgeschoss-Wohnung seines Hauses mit Garten und trank Rotwein.

Hotte fragte sich, wo er die Deutschland-Fahne in schwarz-rot-gold in seinem Zwergengarten unterbringen könne. Die Fahne stand, soviel er wusste, für „Einigkeit und Recht und Freiheit“ und passte nicht so ganz zur Märchengruppe: „Schneewittchen und die sieben Zwerge“. Eine vergiftete Prinzessin, die von Zwergen geschützt wurde, war das Thema des Märchens, im Jahre 1812 von den Gebrüdern Grimm veröffentlicht. Hier ging es um eine böse Hexe und treue Zwerge, weniger um nationale Einigkeit und gleiches Recht für alle und Freiheit der eigenen Meinung.

Hotte war Perfektionist, wenn es um den Zwergen Garten ging. Er hatte schnell mittels der künstliche Intelligenz, die er vertraut KI nannte, herausgefunden, dass die schwarz-rot-goldene Fahne die offizielle Fahne der Weimarer Republik gewesen war und 1933 von den Nazis verboten worden war. Die Fahne war seit dem 18. Jahrhundert das Symbol für Meinungsfreiheit und nationale Einheit. Hotte hatte die Fahne oft bei offiziellen Gelegenheiten, wie zum Beispiel Länderspielen, gesehen. Alle Spieler sangen vor dem Spiel die deutsche Hymne aus vollem Hals mit, allen voran der neue Trainer Klopp, der dazu ein Käppi trug mit der Aufschrift „1 von 83 Millionen“.

Hotte liebte das Bad im Mainstream und schwamm dabei gerne ganz vorn. Er hatte überlegt, seinen Zwergengarten technisch zu optimieren und im Garten einmal am Tag vielleicht die Nationalhymne zu spielen und dabei die Fahne zu hissen. Er wollte dafür ein entsprechendes Computer-Programm entwickeln. Damit hätte er sich einmal mehr an die Spitze des Zeitgeistes gesetzt. Das war sein Markenzeichen und er war stolz darauf. Im Sommer dieses Jahres erst war er bei den Anti-rassistischen Wochen in Münster mit dabei gewesen. Er hatte eine anti-rassistische Puppe namens Barbie als Zwerg und einen antirassistischen Ken-Zwerg entwickelt. Das hatte ihm in der Szene die gewünschte Aufmerksamkeit verschafft, aber auch Ärger. Er war in den Verdacht geraten, selber ein Rassist zu sein. Um in Sachen Deutschland Fahne keine Putin Pleite zu erleben, war Hotte tiefer in die Materie von Fahne und Hymne eingestiegen.

Die Hymne, das „Lied der Deutschen“, war am 26. August 1841 von Hoffmann von Fallersleben geschrieben worden. Es hatte von Fallersleben kein Glück gebracht. Er war im Jahre 1841 Professor für Germanistik gewesen und Dichter. Von ihm stammte auch das Lied „Alle Vögel sind schon da“. Aber er schrieb auch politische Lieder und hatte mit der Obrigkeit deshalb viel Ärger. Hotte hatte herausgefunden, dass Hoffmann von Fallersleben ein Freigeist gewesen war. Er hatte frei denken und frei mit anderen diskutieren wollen, ohne Angst vor Spitzeln, Polizei und Gefängnis. Er hatte sich deshalb nach Helgoland abgesetzt, das damals zu Großbritannien gehörte. In Deutschland selbst hatten die Menschen damals von Werten wie Freiheit oder Recht nur träumen können. Auf einer Klippe der Nordseeinsel Helgoland sitzend, hatte von Fallersleben das „Lied der Deutschen“ geschrieben. Sein Verleger Kampe hatte ihm das Lied, damals dreistrofig, sofort abgekauft. Er hatte mehrere hundert Exemplare gedruckt, die sofort vergriffen gewesen waren. Bei den Intellektuellen in Deutschland, war von Fallersleben damals ein Star gewesen, nicht aber bei vielen Landesfürsten. Denn die Idee von einem einheitlichen Deutschland machte sie überflüssig. Der Ruf nach Recht bedrohte ihr Feudalsystem, der Ruf nach Freiheit gefährdete ihre Macht. Obwohl das Deutschlandlied damals nur eines von vielen Liedern der deutschen Nationalbewegung war, wurde von Fallersleben nur ein Jahr nach dem Verfassen des Liedes und ohne weitere Bezüge als Professor von der Uni Breslau entlassen. Die Zensurbehörde warf ihm Verachtung und Hass gegen Landesherrn und Obrigkeit vor, und er wurde in den 1840er-Jahren zum politisch Verfolgten Asylanten. Erst achtzehn Jahre später fand er eine Stelle als Schlossbibliothekar.

Hotte war beeindruckt gewesen. Er sah die Fahne schwarz-rot-gold und die Hymne nun mit ganz anderen Augen. Aber die Frage, wo die Fahne in seinem Garten Platz finden sollte, war dadurch noch schwieriger geworden. Er fragte sich, warum die politische Rechte die schwarz-rot-golde Fahne so gut fand. In Sachen Fahne und Zwergengarten war ihm auch klar geworden, dass die Zwergen Gruppe „Alibaba und die vierzig Räuber“ auch wenig mit Einigkeit und Recht und Freiheit zu tun hatte. In diesem alten orientalischen Märchen ging es um 40 Räuber und deren Goldschatz, den ein armer Bauer zufällig entdeckt hatte. Mit Hilfe einer schlauen Sklavin überlebten alle den blutigen Kampf um den Schatz. Hotte hatte vor ein paar Jahren die orientalischsten Zwerge in seinen Garten gestellt. Das war sein damaliger Beitrag für die bunte interkulturelle Gesellschaft gewesen. Einige Zwerge waren zwischenzeitlich im Keller verschwunden. In die Rest-Zwergen-Gruppe „Alibaba und die vierzig Räuber“ passe die Deutschland Fahne aber auch nicht, hatte Ehefrau Irene erklärt und so war die gesamte Gruppe nachts in den Keller verfrachtet worden war. Das hatte Platz geschaffen für neue aktuelle Hotte Zwerge.

Dann hatte Hotte die Lösung für die Fahne, Hymne und Zwergengarten gefunden. Er wollte eine deutsche Zwergen Elf in seinem Garten aufstellen. Er hatte seiner Ehefrau Irene erklärt, er sei bereit, elf National Zwerge mit allem zick und zack auszustatten mit Trikots, Hosen und Schuhen. „Super“, hatte Ehefrau Irene anerkennend gesagt, das werde aber nicht billig werden. Ob er die Spieler in Naturgröße darstellen wolle. Allein beim Woltemade mit fast zwei Metern Größe käme da einiges zusammen. Hotte hatte verzweifelt genickt. Dann aber hatte erklärte, jetzt sei erstmal Jürgen Klopp am Ball. Bei den ersten Klopp-Spielen habe der Trainer 44 Spieler am Start gehabt. Wenn Klopp die klassischen Elf Spieler gefunden habe, zuzüglich der Reservespieler, dann sei auch er wieder im Spiel. In den ersten Klopp-Spielen waren 44 potentielle Nationalspieler um Trainer Jürgen Klopp herumgeschwirrt und der hatte seine Mannschaft dauernd umgestellt. Er hatte in drei Spielen drei Kapitäne präsentiert. Die einzig feste Größe im Klopp-Spiel war dabei der Trainer Jürgen Klopp gewesen. Den hatte Hotte noch am selben Nachmittag auf dem drei-D-Drucker im Keller als Gips-Zwerg hergestellt. Der Clou war dabei die Kleidung von Jürgen Klopp in schwarz-rot-gold. Hotte hatte den Klopp-Zwerg in schwarz-rot-gold übersprüht. Hier war bei Hotte kurzzeitig der Revoluzzer der Jugendzeit wieder auferstanden. Der Klopp-Zwerg war von den Schuhen bis zu Hüfte gold, dem Zeichen des Geldes. Von der Hüfte bis zum Hals schwarz, also konservativ. Vom Hals bis zum Haupthaar war er rot gefärbt, dem Zeichen vor Freiheit und Solidarität. 

Ehefrau Irene hatte erklärt, sie habe großen Respekt vor Hottes Kreativität. Im Klopp-Spiel sehe sie aber überhaupt keine Einigkeit und Recht und Freiheit. Jürgen Klopp herrsche als Trainer über alle 44 Spieler wie ein König, wie ein mittelalterlicher Feudalfürst. Das sei ihr Eindruck. Hotte hatte gemeint, als Vermieter würde er manchmal gerne wie ein König herrschen. Er habe zwar seinen willigen Rechtsanwalt, das Törfchen an seiner Seite, müsse seine Interessen aber oft vor Gericht vertreten und habe dort auch schon verloren. Im Übrigen fand Hotte die Idee der wechselnden Test-Spieler interessant. Er wollte mit seinem Anwalt, dem Törfchen, besprechen, ob man so auch passende Mieter finden könne. Er überlegte, ob man allen Mietern eine Änderungs-Kündigung mit diesem Inhalt zuschicken könne. Der Wettkampf um die Wohnungen würde seine Mieter motivieren. Er träumte manchmal nachts und heimlich davon, als Fürst Hotte über seine Häuser und seine Frau zu herrschen. Seine Frau hatte ihm einen Pyjama in schwarz-rot-gold geschenkt. Hotte fand das nicht witzig und hatte dem Törfchen erklärt, das sei in seinen Augen ein Zwergen Aufstand, den er einfach ignorieren werde.